Arnold, Walter

Von: Quack, Jürgen

Walter Arnold (1929-1994)

Walter Arnold. LKAS, Bilderrsammlung, Nr. 7441. Fotograf H. Kirschner

Oberkirchenrat, Leiter des Referates für Mission, Ökumene, kirchliche Entwicklungsarbeit und Publizistik 1973 - 1993

„Die Ökumene ist aus der Mission erwachsen und die ökumenische Zusammenarbeit soll eine gemeinsame Mission ermöglichen.“ Kaum einen Satz habe ich von Walter Arnold in den 70er und 80er Jahren so häufig gehört wie diesen. Das war damals nicht selbstverständlich. Es gab nicht wenige Menschen in Württemberg, die meinten, Mission und Ökumene schlössen sich gegenseitig aus. Einige behaupteten, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) habe sich unchristlich weit von der Bibel entfernt. Andere vertraten die Ansicht, dass die Mission durch ihr unkritisches Verhältnis zum Kolonialismus diskreditiert sei und nicht fortgesetzt werden solle. Demgegenüber betonte Walter Arnold die Zusammengehörigkeit dieser beiden Dimensionen kirchlicher Arbeit. Diese Verbindung zu veranschaulichen und zu begründen, sei eine der Hauptaufgaben des „Dienstes für Mission und Ökumene“ der Landeskirche.

Walter Arnold verband sein pietistisches schwäbisches Erbe mit einem ökumenischen Horizont. Das Theologiestudium führte ihn nach Tübingen, Zürich und Basel. Nach dem Examen ging er mit einem Stipendium des ÖRK für ein Jahr an ein Baptistisches Seminar in den USA. In Württemberg war er zunächst Vikar des Stuttgarter Jugendpfarrers Theo Sorg, dann Gemeindepfarrer in Ludwigsburg.

1960 heirateten Walter Arnold und die Ärztin Dr. med. Elfriede Seids (1925-2017). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Gabriele (seit 2016 Prälatin des Sprengels Stuttgart) und Christoph (Arzt).

1964 wählte ihn der deutsche CVJM zu seinem Generalsekretär und die Familie zog nach Kassel um.

1973 wurde er als Oberkirchenrat in die württembergische Kirchenleitung berufen und übernahm von Ulrich Fick das Referat für Mission und Ökumene, kirchlichen Entwicklungsdienst und Publizistik.

„Gott schuf den Menschen mit Leib und Seele. Seelsorge und Leibsorge gehören zusammen.“ Gegen manche Ängste, dass die Entwicklungshilfe die Mission verdrängen könnte, hat Arnold immer wieder darauf hingewiesen, dass zu jeder rechten Mission von Anfang an auch die Sorge für Kranke, für ausreichende Ernährung, für Bildung und für die Einhaltung der Menschenrechte gehörten.

Mit großem Engagement verfolgte er die Stationen des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Einen wichtigen Schritt sah er darin, dass die Kirchen zum ersten Mal seit der Reformation die Lehre vom „gerechten“ Krieg ablehnen und auf eine Überwindung der politischen Institution des Krieges hinarbeiten. Er trat dafür eine, dass Deutschland den Waffenhandel einschränkt und letztlich völlig davon Abstand nimmt. So förderte er auch die Gründung des Ökumenischen Netzes Württemberg als Zusammenfassung der Gruppen in der Landeskirche, die sich um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bemühen.

In den Jahren nach der Weltmissionskonferenz in Bangkok 1973 gab es in Württemberg eine heftige Diskussion, die in der Forderung gipfelte, die Landeskirche solle ihre Mitgliedschaft im ÖRK ruhen lassen. Nach zehn Jahren der Auseinandersetzung und Klärung beschloss die Landessynode, weiter im ÖRK mitzuarbeiten. Die Mitgliedschaft solle aber „selbständiger als bisher“ wahrgenommen werden. Als Konsequenz dieser Entwicklung kandidierte Arnold 1983 bei der Vollversammlung in Vancouver für einen Sitz im Zentralausschuss und wurde gewählt. Damit begann eine neue Phase der aktiven Mitarbeit der Landeskirche im ÖRK, die vor allem durch seine Person geprägt wurde.

Besonders setzte er sich für eine Annäherung der Evangelikalen zum ÖRK – und umgekehrt – ein. Dabei arbeitete er eng mit David Gitari, dem anglikanischen Erzbischof von Kenia, und dem indischen Missionstheologen Vinay Samuel zusammen.

Auf Arnolds Initiative hin trafen sich 1987 und 1989 in Württemberg zum ersten Mal Vertreter des ÖRK mit Theologen aus der Lausanner Bewegung für Weltevangelisation und der weltweiten Evangelischen Allianz zu Gesprächen über das Missionsverständnis. Eine ähnliche Konsultation mit orthodoxen und evangelikalen Theologen fand durch seine Vermittlung Anfang 1993 wiederum in Württemberg statt.

Arnolds vielfältige Kontakte in alle Welt brachten viele Besucher nach Stuttgart. Viele von ihnen waren Gäste im Haus von Walter und Elfriede Arnold, die als Fachärztin für Anästhesie tätig war.

Walter Arnold stand der pietistischen Ludwig-Hofacker-Vereinigung nahe und hatte gute Kontakte zum synodalen Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“. Er warb dort um eine konstruktive Mitarbeit des Pietismus in der ökumenischen Bewegung. Er betonte, dass es ohne den Pietismus nie eine ökumenische Bewegung gegeben hätte, denn der habe die konfessionellen Grenzen durchlässig gemacht. Der Pietismus müsse im ÖRK mitarbeiten, um „die Kirchen in ihrer weltweiten missionarischen und evangelistischen Aufgabe zu unterstützen“ (Verfassung des ÖRK III,3). Mit seinem Bemühen um die Bibel könne der Pietismus helfen, die Worte „gemäß der Heiligen Schrift“ in der Basisformel des ÖRK ernst zu nehmen. Mit seiner kirchenkritischen Haltung könne er helfen, die stetige Aufgabe der „Erneuerung der Kirche“ (Verfassung des ÖRK III,5) nicht aus dem Auge zu verlieren.

Arnold förderte auch die Gründung der Hilfsorganisation „Hilfe für Brüder“. Er war der Meinung, dass Gott sowohl durch die ökumenische wie die evangelikale Bewegung wirke und diese daher zusam¬menarbeiten müssten.

Er sorgte dafür, dass die ganze Vielfalt der Ökumene in den Prälaturteams des „Dienstes für Mission, Ökumene und Entwicklung“ (DiMOE) präsent war. An Anfang waren darin vor allem die früheren Heimatmissionare der Basler und der Herrnhuter Mission tätig. Dazu kamen bald Entwicklungshelfer von „Dienste in Übersee“, Missionare evangelikaler Missionsgesellschaften und zurückkehrende Auslandpfarrer. Diese Vielfalt der Grundeinstellungen und der Erfahrungen machte die weltweite Kirche in Gemeinden und Schulen präsent. 1975 stieß mit Martin Ngnoubamjum aus Kamerun der erste ökumenische Mitarbeiter dazu. Weitere kamen u.a. aus den Kirchen in Ghana, Südafrika, Indien, Korea, Japan und Indonesien. Viele von ihnen wurden nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatkirchen als Bischöfe oder Professoren tätig.

Parallel zum DiMOE half Arnold bei der Gründung des „Zentrums für entwicklungsbezogene Bildung“ (ZEB), das 1998 an den DiMOE angeschlossen wurde. Dort wurden vor allem die Kontakte zu Weltläden und entwicklungsbezogenen Aktionsgruppen gepflegt.

Während seiner ganzen Dienstzeit war Walter Arnold der Vertreter der Landeskirche im Missionsrat des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS). Mehrere Jahre war er auch dessen stellvertretender Vorsitzender wie auch des Deutschen Zweiges der Basler Mission.

Er war in vielen Funktionen in Württemberg (z.B. Vorsitz des CVJM Stuttgart, Vorsitz im Beirat der Württembergischen Bibelgesellschaft, Mitglied im Rundfunkrat und im Verwaltungsrat des Süddeutschen Rundfunks), in Deutschland ( u.a. im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und im Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes) sowie weltweit (z.B. Präsident des YMCA Weltverbandes 1977-81) tätig.

Wegen einer schweren Erkrankung konnte er im Februar 1993 nicht mehr zum Treffen des Zentralausschusses des ÖRK nach Johannesburg fahren. Darauf kaum aus der Sitzung ein Brief an ihn, der von allen 140 Mitgliedern des „Parlaments der Ökumene“ unterschrieben war.

Das durch Walter Arnold repräsentierte Engagement der Landeskirche im Ökumenischen Rat wurde dadurch anerkannt, dass bei der Vollversammlung des ÖRK in Harare 1998 die junge württembergische Theologin Heike Bosien in den Zentralausschuss des ÖRK und Eberhardt Renz, 1993 Arnolds Nachfolger als Referent für Mission, Ökumene und Entwicklung im OKR und seit 1994 württembergischer Landesbischof, zu einem der Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt wurden.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Bacmeister, Albert

Von: Kienzle, Claudius

Inhaltsverzeichnis
  1. Albert Bacmeister (1845-1920)
  2. 1: Familienverhältnisse
  3. 2: Biographische Würdigung
  4. Anhang

Albert Bacmeister (1845-1920)

1: Familienverhältnisse

V Christoph Heinrich Wilhelm Bacmeister (1795-1863), Notar. M Heinricke Caroline geb. Neuffer (1808-1855). G Reinhold (im Alter von zwei Wochen verstorben), Karl Eugen, Ottilie Ernestine Luise, zwei Halbbrüder: Julius, Eduard. °° Luise Auguste geb. Gantz (*1845) am 21.05.1872 in Öhringen. K Walter, Richard (Zwillingsbrüder, R. stirbt einjährig).

2: Biographische Würdigung

Albert Bacmeister (1845-1920)

Fotograf: H. Brandseph, Stuttgart. Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 462

Die Kindheit des am 25. Oktober 1845 in Neckartailfingen (OA Nürtingen) geborenen B. war von häufigen Ortswechseln geprägt, die durch den väterlichen Notarberuf bedingt waren. Blieb die Familie trotz der ersten Versetzung des Vaters nach Köngen zunächst in Neckartailfingen, folgten sie diesem wenige Jahre später nach Weilheim/Teck, von wo aus der junge B. die Lateinschule in Kirchheim/Teck besuchte. Nach dem frühen Tod der Mutter 1855 und der Beförderung des Vaters zum Gerichtsnotar in Nürtingen 1859 wurde B. als Hospes – die Aufnahmeprüfung, das Landexamen, hatte er nicht bestanden – ins Seminar Maulbronn aufgenommen. Wenige Monate bevor er 1863 die Konkursprüfung, die ihm die Aufnahme ins Evangelische Stift in Tübingen ermöglichte, ablegte, starb auch sein Vater. In der Folgezeit klagte B. über häufige Kopfschmerzen und rezidivierende Krampfanfälle. Dieses epileptische Anfallsleiden schränkte ihn im Laufe seines Studiums und Berufslebens immer wieder ein und kam erst in hohem Alter zum Erliegen.

An der Universität trat B., dessen Großvater bereits Pfarrer gewesen war, der Burschenschaft "Tübinger Königsgesellschaft Roigel" bei. Er hörte vor allem den Dogmatiker Maximilan Landerer (1810-1878), der für seine Vermittlungstheologie bekannt war, sowie dessen Schüler, den Kirchenhistoriker Carl Weizsäcker (1822-1899), der eine eher kritische Theologie lehrte. Zugleich besuchte er Vorlesungen des Literaturwissenschaftlers und Freundes von David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer (1807-1887), mit dem er noch nach dem Studium in brieflichem Kontakt stand.

Nach der ersten theologischen Dienstprüfung, die er krankheitsbedingt erst 1868 ablegte, wurde er durch den Balinger Dekan Karl Ludwig Heinrich Haug, in dessen Kirchenbezirk er als Pfarrverweser amtierte, ordiniert. Weitere Dienstorte führten ihn in die Nähe seines Geburtsortes nach Mittelstadt und Großbettlingen. Die Gemeinde Oberensingen verlieh dem eltern- und heimatlosen B. 1869 das Bürgerrecht.

Den Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs erlebte er als Pfarrverweser in Wangen im Allgäu. Sofort richtete B., der im Krieg gegen Österreich 1866 zwar ausgehoben, aber nicht mehr einberufen worden war, eine „flehentliche“ – aber gleichwohl unberücksichtige – Bitte an die Kirchenleitung, ihn für den Kriegsdienst freizustellen oder ihn wenigstens als Felddiakon abzuordnen. Wenig später sah er sich in der Allgäuer Diaspora öffentlichen Anfeindungen des katholischen Stadtpfarrers ausgesetzt und bat gekränkt um Versetzung. Erst nachdem er sich der überkonfessionellen Solidarität der städtischen Ehrbarkeit versichert hatte, erklärte er sich bereit, zu bleiben.

Gleichwohl beorderte ihn die Kirchenleitung kurze Zeit darauf als Pfarrverweser nach Braunsbach ins Hohenlohische, von wo aus er mit Hinweis auf seine labile Gesundheit die Zulassung zur zweiten theologischen Dienstprüfung forderte. Ausschlaggebend dürfte jedoch der Wunsch nach einer eigenen Pfarrstelle und damit nach ökonomischer Absicherung gewesen sein. Das Konsistorium entsprach seiner wiederholten Eingabe nicht, sondern betraute ihn im April 1871 mit der Vertretung der Pfarrstelle in Schlaitdorf. Dort hoffte B. erneut auf eine ständige Anstellung und mobilisierte die Gemeinde zunächst erfolgreich gegen eine weitere Versetzungsanordnung. Anfang 1872 legte er das zweite Examen ab, in dessen schriftlichen Teil er sich schwerpunktmäßig mit religionspädagogischen Fragestellungen auseinandersetzte. Dabei plädierte er für eine Professionalisierung von Geistlichen im Hinblick auf ihre Funktion als Religionslehrer und Schulaufseher und forderte Kenntnisse in Psychologie, Didaktik, Methodik, Rechtskunde und Gesundheitspflege. Nach Übertragung der Patronatspfarrstelle Niederstetten heiratete er 1872 Auguste Gantz.

In Niederstetten beschäftigte sich B. weiter mit pädagogischen Fragen und verfasste zu innerkirchlichen Fortbildungszwecken mehrere Aufsätze, mit denen er seine 1875 erstmals veröffentlichte Biblische Geschichte vorbereitete. Da die Bibel die alleinige Grundlage für den schulischen Leseunterricht war, stellte B. in dem Lehrbuch, die wesentlichen (heils)geschichtlichen Texte des Alten und Neuen Testaments in didaktisch sinnvollen Abschnitten zusammen. Neu war dabei, dass nun nicht mehr der eigentliche Bibeltext verwendet werden sollte, sondern dass B. versuchte, kindgerechter zu formulieren und auf eine Textgliederung in Verse verzichtete. Bis 1919 erfuhr das Lesebuch zehn verschiedene Auflagen, die unterschiedliche Stofffülle aufwiesen und zunehmend auch als Geschichtsbuch für die Zeit des Frühchristentums betrachtet werden kann. Über diese publizistische Beschäftigung mit religionspädagogischen Fragen hinaus war B. auch 18 Jahre lang als Direktor der Schulkonferenz in den Kirchenbezirken Blaufelden und Öhringen und als Mitglied der Kommission für das biblische Lesebuch in der Lehrerfortbildung tätig. 

Das Pfarramt in Niederstetten befriedigte B. nur bedingt. Bereits drei Jahre nach seiner Ernennung zum dortigen Pfarrer und ein Jahr nach der Geburt seiner Zwillingssöhne, von denen einer nach wenigen Monate starb, bewarb er sich 1875 aus nationalliberaler Gesinnung und in „glühe[ndem] Verlagen“, aber erfolglos, um eine Divisionspredigerstelle. Stattdessen wurde er ab 1879 Stadtpfarrer von Öhringen und konnte als Archivar des Hauses Hohenlohe sowie im „Historischen Verein für württembergisch Franken“ seinen wissenschaftlichen Interessen nachkommen. Diese veranlassten ihn an einem Preisausschreiben der gerade gegründeten holländischen „Teylers Fundatie“ in Haarlem teilzunehmen. Seine daraus entstandene Arbeit über die ethische Prinzipienlehre in Eduard von Hartmanns (1842-1906) Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins reichte er 1882 bei dem Pessimismusexperten Edmund Pfleiderer (1842-1902) in Tübingen als philosophische Dissertation ein.

In den folgenden Jahren setzte B. seine wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit fort. Er publizierte zahlreiche Aufsätze in der Protestantischen Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland, dem theologischen Literaturblatt, der Allgemeinen Evangelischen-lutherischen Kirchenzeitung, den deutsch-evangelischen Blättern, den Blättern für Württembergischen Kirchengeschichte sowie dem kirchlichen Anzeiger in Württemberg.

Nachdem ihm 1889 die Dekanstelle in Geislingen übertragen worden war, zog er sich nur sieben Jahre später von dieser Führungsposition zurück und übernahm die Stelle des Ludwigsburger Garnisonspredigers. Damit verschaffte er sich jedoch gute Kontakte zum Herrscherhaus und zum Regierungsapparat, die später zu zahlreichen Ehrungen bis hin zur Verleihung des Titels Oberkirchenrat führten. Ihm gelang es, nicht zuletzt durch manipulativen Medieneinsatz – er verfasste im Schwäbischen Merkur einen anonymen Artikel, der den vorliegenden Architektenentwurf scharf kritisierte – den Neubau der Ludwigsburger Garnisonskirche voranzutreiben, die 1903 eingeweiht wurde. Bereits während der Bauphase hatte sich B. um die Dekanstelle in Ludwigsburg beworben, die ihm erst im zweiten Anlauf 1904 übertragen wurde und die er bis zu seiner Pensionierung 1917 innehatte.

In seiner Ludwigsburger Zeit setzte er seine religionspädagogische Tätigkeit fort und leitete die Fortbildungskurse der Predigtamtskandidaten für Religionsunterricht. Zugleich war er ab 1896 als Vorstand der Ludwigsburger Kinderverwahranstalt, der Charlottenkrippe, ab 1899 als Vorstand des „Vereins zur Unterstützung des Württembergischen Lutherstifts“ für Pfarrsöhne sowie ab 1904 als stellvertretender Verwaltungsratvorsitzender der „Evangelischen Kinder- und Brüderanstalt Karlshöhe“ im sozialen Bereich aktiv. Er engagierte sich zudem in der pfarrerlichen Standesvertretung, dem „Evangelischen Pfarrverein in Württemberg“. Anknüpfend an seine frühere Mitgliedschaft in der Landessynode kandidierte B. 1912 für den Wahlbezirk Öhringen – eine Kandidatur im eigene Kirchenbezirk war ihm laut Wahlgesetz versagt – und war dort stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für das Spruch- und Liederbuch sowie Sprecher einer Mittelpartei. Bereits 1888-1897 war er für verschiedene hohenlohische Kirchenbezirke Abgeordneter im Kirchenparlament, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsordnungskommission sowie geistlicher Ersatzmann für den Synodalausschuss, dem höchsten Gremium zwischen den ordentlichen Tagungen der Synode.  

B. stand der liberalen Theologie nahe. Er beteiligte sich gegen den Widerstand der Kirchenleitung 1910 gemeinsam mit seinem Freund Theobald Ziegler, dem Biografen des umstrittenen Protagonisten der liberalen Theologie, David Friedrich Strauß, an der Einweihung eines Denkmals für diesen im Ludwigsburger Schlossgarten. Über beide verfasste B. biografische Abrisse im Staatsanzeiger für Württemberg. In seinen biblischen Geschichten versuchte er, vor allem in den späteren Auflagen, die Geschichte des Urchristentums nicht etwa heilsgeschichtlich zu deuten, sondern chronologisch zu präsentieren. Trotz seiner nationalliberalen Einstellung blieb er ein zuverlässiger Verfechter der Monarchie. In seinem Buch über das württembergische Königshaus, das zugleich als eine Kultur- und Infrastrukturgeschichte Württembergs des 19. Jahrhunderts gelesen werden kann, äußerte er zwar Sympathien für die Revolutionsideen von 1848, zeigte sich jedoch letztlich als kaisertreuer Befürworter der kleindeutschen Reichseinigung von 1871. Am 28. Juni 1920 verstarb er.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Barth, Christian Gottlob

Von: Quack, Jürgen

Christian Gottlob Barth (1799 -1862)

Christian Gottlob Barth

Archiv der Basler Mission, QS-30.008.0014

Die erste Sammelbüchse für die Basler Mission stellte der Student Christian Gottlob im Herbst 1818 im Evangelischen Stift in Tübingen auf. Die Idee dazu bekam er von Robert Pinkerton aus London, den er kurz zuvor in Stuttgart getroffen hatte. Pinkerton war in die Schweiz und nach Deutschland gekommen, um Missionare für die englischen Missionsgesellschaften zu werben.

Barth wäre gerne selbst Missionar geworden, da er jedoch für seine alleinstehende Mutter sorgen musste, war das nicht möglich. Aber er wurde zum wichtigsten Freund der Basler Mission in Deutschland. Er predigte auf zahlreichen Missionsfesten und schrieb viele Missionslieder, z.B. einige Strophen des Liedes „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263). Er wurde Pfarrer in Möttlingen, gründete den Calwer Missionsverein und gab ab 1828 das Calwer Missionsblatt heraus. Er stand in engem Kontakt mit vielen Missionaren – etwa 1000 Briefe jährlich wechselte er mit ihnen. In seinem Arbeitszimmer stand eine Uhr mit vier Zifferblättern, drei davon zeigten die Uhrzeiten in anderen Weltgegenden, wo diese Missionare tätig waren. 1832 veröffentlichte er „Zweymal zwey und fünfzig biblische Geschichten für Schulen und Familien“, das in 87 Sprachen übersetzt wurde.

Als 1838 Christian Gottlob Blumhardt (1779-1838), der erste Inspektor der Basler Mission starb, wählte das Komitee Christian Barth zu dessen Nachfolger. Aber Barth lehnte ab. Er hatte sich gerade aus dem Pfarrdienst entlassen lassen, um ganz für den von ihm gegründeten Calwer Verlag tätig zu sein. Er empfahl statt seiner Wilhelm Hoffmann, den Sohn des Gründers von Korntal, der dann auch gewählt wurde.

Barth war ein Mann mit knitzem Humor. Seine „Geschichte von Württemberg“ beginnt mit den Worten „Der geneigte Leser muss vor allen Dingen wissen, dass es zwei gelobte Länder in der Welt gibt, das eine ist das Land Kanaan oder Palästina, und das andere ist Württemberg. Das glauben wenigstens viele ehrliche Württemberger, besonders solche, die von anderen Ländern außer dem Namen nicht sehr viel wissen …“. Es war Barths Lebenswerk, dass die Württemberger mehr über die fremden Länder und die dort tätigen Missionare lernten.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Bengel, Johann Albrecht

Von: Ising, Dieter

Johann Albrecht Bengel (1687-1752)

Johann Albrecht Bengel, Stich nach einem Gemälde

Aus: Oscar Wächter: Johann Albrecht Bengel. Lebensabriss, Character, Briefe und Aussprüche, 1865

Im Jahr 1687 in Winnenden geboren, musste Bengel als Kind vor einrückenden französischen Truppen aus seiner Geburtsstadt flüchten. Kurz darauf erlebte er die Plünderung und Brandschatzung Marbachs. Früh verlor er den Vater. Nach dem Besuch des Stuttgarter Gymnasiums bezog er 1703 das Tübinger „Stift“, das Begabten bei freier Kost und Logis das Theologiestudium ermöglichte.

1713 wurde er zum Lehrer an der Klosterschule Denkendorf bei Stuttgart ernannt. Als Vorbereitung auf die Stelle unternahm er eine Bildungsreise, die ihn bis nach Halle an der Saale führte. Dort beeindruckte ihn die Begegnung mit August Hermann Francke, einem der führenden Pietisten seiner Zeit.

In Denkendorf unterrichtete er bis 1741 den theologischen Nachwuchs. Die Schüler sollten sich mit großem Ernst auf den Pfarrberuf vorbereiten, ihre Seele „sammeln“ und das „Aufatmen zu Gott mitten unter der Arbeit“ nicht vergessen. Bengel verstand sich als ihr Lehrer und Seelsorger; er nahm sich vor, geduldig und gütig zu sein.

In dieser Zeit wurden ihm und seiner Frau Johanna Regina geb. Seeger zwölf Kinder geboren; sechs von ihnen starben früh.

Bengel war nicht nur ein engagierter Pädagoge. Mit Sorgfalt und Ausdauer widmete er sich wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem dem Text und der Auslegung des Neuen Testaments, die ihn weithin bekannt machten.

Als man ihn 1741 zum Prälaten von Herbrechtingen ernannte, gehörte zur Prälatenwürde die Mitgliedschaft im württembergischen Landtag. Hier wurde Bengel aufgrund seines hohen Ansehens 1747 in den Großen und 1748 in den Engeren Landtagsausschuss gewählt. 1749 ernannte man ihn zum Prälaten von Alpirsbach; damit verbunden war ein Sitz im Konsistorium, der Stuttgarter Kirchenleitung.

Bengel hatte sich für diese Ämter nicht beworben. Er wurde, inzwischen 60 Jahre alt und gesundheitlich angegriffen, von den Berufungen überrascht. Sie eröffneten ihm ein umfassendes Einspruchsrecht bei wichtigen politischen und kirchlichen Entscheidungen. Nachdem 1743 die pietistischen Privat-Erbauungsstunden legalisiert worden waren, kann man die Bengel zuteil gewordene Stellung als landes- und kirchenpolitisches Zeichen verstehen. Mit ihm erhielt der Pietismus, der sich als „Lebens-Reformation“ verstand, einen festen Platz in Württemberg.

In Stuttgart ist Bengel am 2. November 1752 gestorben.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Binder, Christoph

Von: Heizmann, Uwe

Christoph Binder (1519-1596)

Christoph Binder wurde als am 28. Dezember 1519 in Grötzingen (Lkr. Esslingen) als unehelicher Sohn des dortigen Priesters Georg Binder und der Katharina Bainhardt geboren.(1) Georg Binder lebte, obwohl als katholischer Priester eigentlich an das Zölibat gebunden, wie damals viele seiner Amtsgenossen in wilder Ehe.(2) Nach der Einführung der Reformation in Württemberg 1534 trat er zur evangelischen Konfession über und ehelichte wahrscheinlich noch im selben Jahr Katharina Bainhardt.(3) Georg Binder besaß in Grötzingen ein eigenes Haus, weshalb ein gewisses Vermögen angenommen werden kann, mit dem er seinem begabten Sohn eine gründliche Ausbildung ermöglichte. (4)

Ab 1557 war er Pfarrer sowie ab 1558 bis 1565 Dekan in Nürtingen. 1560 war er als Reformator für die Reichsstadt Weil der Stadt vorgesehen. Dieser Plan der herzoglichen Kanzlei wurde jedoch wegen des Widerstands der dortigen Bürger aufgegeben.(5) Binder war für Herzog Christoph mehrfach in wichtigen auswärtigen Kirchenangelegenheiten unterwegs. Möglicherweise war er in diesem Zusammenhang 1560 bis 1561 nach Reichenweier(6) im Elsass abgeordnet, um in der gleichnamigen württembergischen Herrschaft das lutherische Bekenntnis einzuführen. Mit demselben Auftrag wurde er in die weiter südlich gelegenen, zu Württemberg gehörenden Grafschaft Mömpelgard(7) entsandt.(8) Außerdem soll er 1562 ins Herzogtum Sachsen gereist sein, um in einem Religionsstreit zu vermitteln.(9) Am 14. Februar 1565 wurde er zum ersten evangelischen Abt des Klosters Adelberg (Klosterschule) ernannt. Dieses Amt hatte er bis 1590/95 inne. Zugleich war er von 1557 bis 1586/90 Generalsuperintendent in Denkendorf. 1594 nahm er am Reichstag von Regensburg teil. Er war auch herzoglich-württembergischer Rat. Im Februar 1595 trat er von seinen Ämtern zurück. Er starb am 31. Oktober 1596 in Adelberg.(10)

Die Dokumente zur Binders Einsetzung als Abt des Klosters Adelberg, Urkunde und Revers, sind im Hauptstaatsarchiv Stuttgart im Bestand A 469 I unter den Signaturen U 681 und U 682 überliefert und liegen hier als Transkriptionen vor:

Urkunde vom 14. Februar 1565 über die Einsetzung des bisherigen Pfarrers von Nürtingen, Christoph Binder, als Abt des Klosters Adelberg, einschließlich der Aufführung seiner Rechte, Pflichten, Besoldung usw., ausgestellt durch Herzog Christoph von Württemberg

Revers vom 14. Februar 1565 von Christoph Binder über seine Einsetzung als Abt des Klosters Adelberg, einschließlich der Aufführung seiner Rechte, Pflichten, Besoldung usw., Revers zur entsprechenden, von Herzog Christoph von Württemberg unterm selbigen Datum ausgestellten Urkunde

Veröffentlicht am: : 29.03.2019

Aktualisiert am: 04.06.2024

Binder, Johanna

Von: Kittel, Andrea

Inhaltsverzeichnis
  1. Johanna Binder (1896-1990)
  2. 1: Evangelische Frauenarbeitsschule
  3. 2: Paramente zum Schmuck der Kirchen
  4. Anhang

Johanna Binder (1896-1990)

Fast fünfzig Jahre lang hat Johanna Binder mit ihrer Arbeit die textilen Kirchenausstattungen der württembergischen Landeskirche geprägt. Als Leiterin der Paramentenwerkstatt beriet sie unzählige Kirchengemeinden bei der Anschaffung liturgischer Altar-, Taufstein- und Kanzelbedeckungen, die sie dann nach Entwürfen von Künstlern mit ihren Weberinnen und Stickerinnen in hoher handwerklicher Qualität herstellte.

Johanna Binder war schöpferisch begabt und als gelernte Damenschneiderin durchaus erfolgreich. 1919 wurde sie „Lehrmeisterin“ der neu eingerichteten Fachklasse für Mode an der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule – der heutigen Kunstakademie. Doch die Aussicht auf eine Karriere in der Modebranche schlug sie aus. Als 1924 der Bund Evangelischer Frauen beabsichtigte, mitten in der Inflation eine Evangelische Frauenarbeitsschule in Stuttgart zu gründen, und Johanna Binder bat, die Leitung zu übernehmen, sagte sie kurzerhand zu.

1: Evangelische Frauenarbeitsschule

Junge Mädchen sollten dort nach dem Schulabschluss in Sticken, Kleider- und Weißnähen unterrichtet werden, um sich für ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter zu qualifizieren. Der evangelische Charakter der Schule wurde durch Morgenandachten und Vorträge über diakonische Themen gepflegt. In der Wirtschaftskrise waren mehrere städtische Nähschulen geschlossen worden, so dass der Zulauf zu der evangelischen Einrichtung mit Zentrale in der Furtbachstraße groß war. Schon im zweiten Schuljahr unterrichteten 19 Lehrerinnen in 9 Zweigstellen rund 400 Schülerinnen.

2: Paramente zum Schmuck der Kirchen

Noch im Gründungsjahr der Schule wurde auf Anregung des Vereins für christliche Kunst zusätzlich eine Paramentenwerkstatt angegliedert und ebenfalls unter die Leitung von Johanna Binder gestellt. Anfangs arbeitete man noch mit Tuch, Borten und Fransen. Als es in Deutschland eine Neubesinnung über Sinn und Zweck in der evangelischen Paramentik gab, machte Johanna Binder diesen Wechsel mit und erlernte, neben ihren vielfältigen Leitungsaufgaben, Spinnen von Flachs und Wolle, Färben mit Pflanzen, Weben und komplizierte Sticktechniken. Wertigkeit und „Echtheit des Materials“ waren für sie fortan Standard. 1938 legte sie mit Auszeichnung eine zweite Meisterprüfung ab und konnte nun in ihrer Werkstätte Fachkräfte ausbilden.

Nach ihrer Auffassung lag die Basis guter Paramentik in der engen Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Ausführenden, und so produzierte sie gemeinsam mit namhaften Kunstschaffenden über viele Jahre hinweg anspruchsvolle Werke.

Zur Produktpalette der Paramentenwerkstatt gehörte auch die Amtstracht für die Geistlichen. Bei der Einführung der Frauenordination 1968 war Johanna Binders Rat zur Form des Talars und des Baretts für die Pfarrerinnen sehr geschätzt. Zuvor hatte sie schon ein spezielles Frauenbeffchen entwickelt, das sich allerdings langfristig nicht durchsetzte.

Als Johanna Binder 1970, mit 74 Jahren, in den Ruhestand ging, konnte sie auf ein Berufsleben zurückblicken, das sie in der ganzen Vielfalt ausgefüllt hatte: Da war die Verantwortung für Angestellte, Auszubildende und Schülerinnen, ihre Zähigkeit und Improvisationskunst in wirtschaftlicher Not und Krieg, weite Beratungsreisen über Land und Fußmärsche mit schwerem Gepäck, ihr notwendiges Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Kirchenräume, Verhandlungsgeschick, kreative Gestaltungsprozesse, Überzeugungskunst für würdige Ausstattungen….

Ihr begeistertes Engagement für die Paramentik hat Johanna Binder als diakonischen Auftrag verstanden. Den Weg dorthin eingeschlagen zu haben, hat sie nach eigenem Bekunden nie bereut.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Binder, Rosina

Von: Kittel, Andrea

Rosina Binder (1827-1908)

Rosina Widmann, geb. Binder

bmarchives Nr. QS-30.108.0006

Vor 175 Jahren fuhr die 19jährige Rosina Binder von Korntal über London mit dem Schiff nach Westafrika an die Goldküste, dem heutigen Ghana, um den ihr völlig unbekannten Missionar Johann Georg Widmann (1814-1876) zu heiraten. Als sie am 15. Januar 1847 bei ihrer Ankunft in Accra in einem Boot an Land gebracht wurde, ahnte sie noch nicht, dass sie 30 Jahre lang auf diesem Kontinent bleiben würde. Sie ahnte noch nicht, dass sie ein Mädcheninstitut, einen Kindergarten und eine Sonntagsschule gründen, in ihrem Haus Waisen und Verstoßene aufnehmen und darüber hinaus 11 Kinder gebären würde.

Rosina Binder war eine sogenannte Missionsbraut. Die Bauerstochter hatte kurzerhand zugesagt, als die Basler Mission für einen bereits ausgereisten Missionar eine Frau suchte. Sie stammte aus pietistischen Kreisen, und so war der Wunsch, ihr Leben in den Dienst des Herrn zu stellen und für das Reich Gottes tätig zu werden, schon früh genährt worden. Eine eigenständige Berufstätigkeit war für Frauen damals nicht vorgesehen. Die Heirat mit einem Missionar war die einmalige Gelegenheit sich im Glauben zu verwirklichen, die Enge der Heimat zu verlassen und nicht zuletzt auch ein Abenteuer zu begehen.


Ehepaar Widmann mit Tochter Rösle und angenommenen Kindern, ca. 1857

bmarchives Nr. QD-30.011.0062

Am 17. September 1846 wurde Rosina Binder in Korntal für ihren Dienst in Westafrika eingesegnet. Danach begann ihre Reise ins Unbekannte. Durch die langen Postwege hatte sie von ihrem Bräutigam noch kein persönliches Wort erhalten. Hinzu kam: Afrika galt als „Todesland“. Tropenkrankheiten, das Klima und die schlechte Infrastruktur hatten viele Missionare in kürzester Zeit dahingerafft. Nachdem zuvor mehrere bereits anvisierte Heiratskandidatinnen abgesprungen waren, hatte ihr Bräutigam 1846 verzweifelt an das Basler Komitee geschrieben: „Das arme Afrika ist zu sehr gefürchtet, so daß sich nicht leicht eine Person entschließen kann hierher zu kommen."

Nun aber war Rosina Binder auf dem Weg. Nach siebenwöchiger Schiffsreise, gebeutelt von Stürmen und Seekrankheit, erreichte sie die Küstenstadt Accra. Über ihre erste Begegnung mit dem Bräutigam schreibt sie in ihrem Tagebuch, dass sie beide miteinander auf die Knie sanken und Gott dankten, dass er sie so glücklich zusammengeführt habe. „Wir sahen uns nicht an, als sähen wir uns zum ersten Male, denn der Herr, der unseren Bund geschlossen (…) verband unsere Herzen noch ehe wir uns kannten in inniger Liebe.“ Eine Woche später waren sie verheiratet.

Missionsstation Akropong

bmarchives Nr. D-30.11.002

Rosina Widmann, geborene Binder gehört zu den ersten Missionarsfrauen der Basler Mission. Auf der Missionsstation ihres Mannes in Akropong erwartete sie vor allem Aufbauarbeit. Um Zugang zum weiblichen Teil der einheimischen Akan-Bevölkerung zu bekommen, lernte sie die Twi-Sprache. Mit großer Zähigkeit engagierte sie sich für christliche Mädchenbildung, Kinderbetreuung, Krankenversorgung, Seelsorge und ganz besonders für ausgestoßene missgebildete Kinder. Von ihren eigenen elf Kindern überlebten sechs. Diese wurden im schulpflichtigen Alter ins Basler Missionskinderhaus und zu Verwandten geschickt und dort aufgezogen. Obwohl sie deshalb ein lebenslanger Schmerz begleitete, blieb sie immer in ihrem Beruf an der Seite ihres Mannes im Missionsfeld. Erst als Johann Georg Widmann 1876 starb, kehrte sie, 50jährig, in ihre Heimat nach Korntal zurück, wo sie noch bis 1908 lebte.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Blaich, Martin

Von: Eisler, Jakob

Martin Blaich (1820-1903)

Martin Blaich

Evangelische Karmelmission, Schorndorf

Martin Blaich wurde am 23. September 1820 in Zwerenberg im Schwarzwald geboren. 1848/49 meldete er sich für das Studium bei der Basler Mission, wurde aber zur Abreise nach Ostafrika mit Johann Ludwig Krapf bestimmt. Wegen seiner schlechten Gesundheit blieb er in Württemberg und konnte in die Basler Mission nicht eintreten. Dagegen wurde er in die Missionsschule des „Deutschen Tempels“ am Kirschenhardthof bei Marbach aufgenommen und wurde Evangelist der Tempelgesellschaft im Schwarzwald. Mit Johannes Seitz trat er im Jahre 1878 aus dieser aus und gründete den „Evangelischen Reichsbrüderbund“ als Frucht der Erweckungsbewegung in Ostpreußen. Blaich unternahm einige Reisen nach Palästina. In den Jahren 1872 und 1881 war er für die Kirchler-Gemeinde in Haifa als Seelsorger tätig. 1891 gründete er auf dem Karmelberg in Haifa die Evangelische Karmelmission. 1893 errichtete Blaich in Preußisch Bahnau (heute Selenodolskoje) ein christliches Erholungsheim, wo er am 19. August 1903 starb.

Martin Blaich war ein begehrter Seelsorger und Erweckungsprediger und betätigte sich in der Heilung von Menschen durch Handauflegung und Gebet. Blaich war in Kreisen um Johann Chr. Blumhardt sen. bekannt. Er schrieb viele kleine Schriften und gab zusammen mit Johannes Seitz die Zeitschrift „Der Evangelische Brüderbote“ heraus.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Blumhardt, Christian Gottlieb

Von: Ising, Dieter

Christian Gottlieb Blumhardt (1779-1838)

Christian Gottlieb Blumhardt (Lithographie J. Velten / Kauffmann)

gemeinfrei (Quelle: Württembergische Landesbibliothek)

Er war ein theologisch gebildeter Mann, körperlich leidend, in seinen Entscheidungen vorsichtig, manchmal ängstlich. Aber den von ihm ausgebildeten über 300 Basler Missionsschülern hat er ein Gefühl für Gerechtigkeit eingeprägt, besonders gegenüber leidenden Menschen, die er als "ehrwürdige Menschen-Klasse" bezeichnet. Dazu gehören für ihn auch die Opfer der Sklaverei.


Der 1779 in Stuttgart geborene Christian Gottlieb Blumhardt stammt aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater Johann Matthäus Blumhardt ist Schuhmacher, die Mutter Christine Barbara geb. Völcker eine Schuhmacherstochter. Christian Gottlieb, von 1798 bis 1803 Theologiestudent in Tübingen, ist einer der frommen Studenten, die den "Verein christlicher Studierender" gründen, auch "das Kränzchen" oder "die Pia" genannt. Später haben der "Pia" unter anderen Ludwig Hofacker, Christian Gottlob Barth und Johann Christoph Blumhardt angehört. 1803 wird Christian Gottlieb von Christian Friedrich Spittler, dem überlasteten Sekretär der Christentumsgesellschaft, nach Basel gerufen. Er soll ihm das Veröffentlichen von Berichten abnehmen und die Erbauungsstunden der Gesellschaft halten. Blumhardt und Spittler, der entscheidungsfreudige Praktiker, ergänzen sich in idealer Weise.

Der für die Tätigkeit in Basel beurlaubte Blumhardt wird 1807 vom Stuttgarter Konsistorium zurückgerufen, um kirchliche Dienste in Württemberg zu übernehmen. Anfangs Vikar in Derendingen bei Tübingen, wird er 1809 Pfarrer in Bürg, heute Ortsteil von Neuenstadt am Kocher. Im gleichen Jahr heiratet er Julie geb. Maier.

Die Anfangsjahre der Basler Mission

Aber Spittler lässt ihn nicht los und beruft ihn zum Inspektor der 1815 gegründeten Basler Mission. So prägt Blumhardt die Anfangsjahre dieses großen Werks, das bis heute Missionare in alle Welt schickt. In den ersten Jahren beschränkt man sich auf die Ausbildung von Sendboten für die englische Church Missionary Society, was aber zu Differenzen führt. Seit 1821 werden Basler Missionare in eigene Arbeitsgebiete entsandt, nach Südrussland und Persien, an die westafrikanische Goldküste und nach Südwestindien.
Blumhardt, der Theologe und Schriftsteller, gibt 1816–1838 das Magazin für die neueste Geschichte der evangelischen Missions- und Bibelgesellschaften heraus. 1828–1837 tritt er mit dem dreibändigen Versuch einer allgemeinen Missionsgeschichte der Kirche Christi an die Öffentlichkeit. Bereits 1807 hat er sein Buch Lazarus der Leidende, Kranke, Sterbende und Auferweckte publiziert.

Als im Jahr 1827 Basler Missionare nach Liberia, ins malariaverseuchte Westafrika, entsandt werden sollen, hat Blumhardt vorrangig das Leiden der einheimischen Bevölkerung im Blick. Wenn "die schnöde und barbarische Habsucht der Europäer jedes Jahr wenigstens 60.000 unglückliche Schlachtopfer armer Neger den Sklavenketten Westindiens überliefert", wenn die Sklavenhändler das Klima nicht scheuen – sollen sich dann die Verkündiger des Evangeliums von dort fernhalten? Das wäre "eine Schmach des Namens Christi".

Christian Gottlieb ist der Cousin des Vaters von Johann Christoph Blumhardt, dem Theologen der Hoffnung und Seelsorger in Möttlingen und Bad Boll. Ihre Lebenswege kreuzen sich, als der junge Johann Christoph 1830 Missionslehrer in Basel wird. Sein Vorgesetzter sei ihm ein väterlicher Freund gewesen, schreibt Johann Christoph. Er und seine Frau Doris geb. Köllner werden im September 1838 von Christian Gottlieb Blumhardt getraut. Einige Wochen später erkrankt der Inspektor. Er stirbt am 19. Dezember 1838 in der Hoffnung, auch nach seinem Tod an Gottes "Reichssache auf Erden", der Mission, teilnehmen zu können: "Wenn ihr euch hier unten über einen Sieg freut, so denket immer, ich feire droben mit."

Aktualisiert am: 04.06.2024

Blumhardt, Christoph Friedrich

Von: Ising, Dieter

Inhaltsverzeichnis
  1. Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919)
  2. 1: Familienverhältnisse
  3. 2: Biographische Würdigung
  4. Anhang

Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919)

1: Familienverhältnisse

Christoph Friedrich Blumhardt (1842-1919)

Landeskirchliches Archiv, Bildersammlung, Nachlass Jäckh

Vater: Johann Christoph (16.7.1805–25.2.1880), Pfarrer in Möttlingen und 1852 Leiter von Bad Boll. Mutter: Dorothea (Doris), geb. Köllner (1816–1886). Geschwister: Maria (1840–1923); Carl (1841–1892), Fabrikant bei Elberfeld; Theophil (1843–1918), Pfarrer im Dorf Boll; Rahel (* und † 1845); Nathanael I. (* und † 1846); Nathanael II. (Landwirt in Bad Boll, dann Neuseeland); Bertha (1853–1854). Am 12.5.1870 heiratet Christoph Friedrich Blumhardt die Tochter des Hofgutpächters von Einsiedel, Emilie Pauline geb. Bräuninger (7.12.1849–14.9.1929).

Kinder: Dorothea (1872–1947) ¥ Theophil Brodersen; Herrmann (1873–1909), Arzt; Clara (*1874) ¥ Johannes Weber; Katharina (1875–1960), Hebamme; Elisabeth (1877–1962) ¥ Dr. Eduard Vopelius; Salome (1879–1958) ¥ Prof. Richard Wilhelm; Friedrich (1881–1941), Farmer in Neuseeland ¥ Martha geb. Honeck; Hanna (1883–1971), Lehrerin ¥ Prof. Hermann Bohner; Georg (1885–1918), Diplomingenieur; Gottliebin (1889–1976), Lehrerin; Immanuel (1892–1916), Landwirt.

2: Biographische Würdigung

Geboren zu einer Zeit, als sein Vater Johann Christoph die erkrankte Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus der Möttlinger Gemeinde, seelsorgerlich betreute, hat Christoph Blumhardt die Anfänge der Möttlinger Bewegung miterlebt. Die Erweckung der Gemeinde, Gebetsheilungen, der Zustrom Auswärtiger und die öffentliche Kritik an seinem Vater haben seine Kindheit bestimmt. 1852 zog die Familie nach Bad Boll, wo der Vater im Kurhaus ein Seelsorgezentrum gründete, das Menschen aus ganz Europa besuchten. Die durch Erweckungen und Heilungen verstärkte Hoffnung des Vaters auf eine baldige Ausgießung des Heiligen Geistes über die ganze Welt prägte auch Christoph Blumhardt.

Im Tübinger Theologiestudium (1862–1866) beschäftigten ihn die Reibungsflächen zwischen dem Erleben in Bad Boll und der „wissenschaftlichen Sphäre der Theologie“. Er setzte sich der wissenschaftlichen Kritik aus, gab aber das im Elternhaus erworbene Fundament seiner Glaubensüberzeugung nicht preis. Nach dem 1. Theologischen Examen wurde er Vikar im badischen Spöck bei Pfarrer Peter, einem Freund des Vaters und Nachfolger von Aloys Henhöfer. Vikariate an wechselnden Orten führten ihn in die Nähe Bad Bolls. Vom Vater früh als Nachfolger ins Auge gefasst, plagten ihn Zweifel, ob er dieses Amt nicht bloß als Epigone, sondern im vollmächtigen Sinne werde ausüben können.

Etwas ratlos wurde er 1869 Vikar und Sekretär seines Vaters. Erst als Gottliebin Dittus, die mit ihren Geschwistern den Blumhardts nach Bad Boll gefolgt war, 1872 im Sterben lag und die Umstehenden mit ihrer entschiedenen Hoffnung auf Gottes Reich beeindruckte, gewann Christoph Blumhardt einen eigenen Zugang zum avisierten Beruf. Nach des Vaters Tod übernahm er 1880 die Leitung Bad Bolls, das er anfangs ganz in dessen Sinne führte.

Bald wurde ihm klar, dass dieses als geistliches Zentrum nur fortbestehen konnte, wenn neue Wege eingeschlagen wurden. So konnte er den frommen Egoismus der Heilungsuchenden in Bad Boll, den bereits der Vater misstrauisch beäugt hatte, mit der biblischen Hoffnung: „Dein Reich komme!“ nicht in Einklang bringen. Ende 1893 stellte Christoph die Predigttätigkeit im Kurhaus für einige Zeit ein. 1898 wurde zudem die ständige seelsorgerliche Inanspruchnahme durch ein Herzleiden in Frage gestellt.

An der Gültigkeit der Möttlinger Erfahrungen hielt er fest. Seine Kritik traf jedoch nicht nur den Heilungsegoismus, sondern auch die Stellung seines Vaters zu Mission und Kirche. Deren Bedeutung für das Reich Gottes konnte Christoph Blumhardt nicht mehr sehen.

Die mit Kolonialismus einhergehende Mission seiner Zeit war ihm ein Dorn im Auge. Seine Überzeugung, man müsse auf dem Missionsfeld von der Vorstellung des „armen Heiden“ wegkommen, vielmehr mit den Menschen auf Augenhöhe verkehren, gab dem Missionsverständnis einen wichtigen Impuls. Dabei ging er jedoch so weit, Mission und Taufe selbst in Frage zu stellen. Die Menschen sollen, so meinte er, vom neuen Geist Christi beseelt werden; dieser komme aber „nicht aus äußerer Taufe“. Die Sakramente seien „kein Gemeinschaftsleim“, sondern machten nur „lüstern nach mehr und noch intensiveren Hypnosen“ (Christoph Blumhardt an Richard Wilhelm, 26.4.1902; in: Christus in der Welt, 82 f.).

Auch die Bedeutung der Kirche für das Reich Gottes wurde ihm fraglich. Wiederum ging es um die Kirche seiner Zeit, die sich in der sozialen Frage auf das Verbinden von Wunden beschränkte (Wicherns Innere Mission), aber nicht die Machtfrage stellte. 1899 wurde Christoph Blumhardts Eintreten für den Sozialismus von der Stuttgarter Kirchenleitung mit der Aufforderung beantwortet, den Pfarrertitel abzulegen. Dem kam er nach und schied aus dem Dienst der Württembergischen Landeskirche aus.

Äußerer Anlass war für ihn die sogenannte „Zuchthausvorlage“ im Berliner Reichstag. Arbeiter, welche arbeitswillige Kollegen beim Betreten des Betriebs behindern, wurden mit Zuchthaus bedroht. In einer sozialdemokratischen Versammlung in Göppingen stellte Christoph Blumhardt klar, dass er eine Parteinahme für die Niedrigen als Nachfolge Jesu ansah, der so betrachtet auch ein Sozialist gewesen sei. Das „Antwortschreiben an seine Freunde“ bekannte sich zur Gleichachtung aller Menschen, auch der Proletarier, die „auf Erden nicht nur geplagte, sondern selige Geschöpfe Gottes sein sollen“. Im Jahr 1900 trat er in die SPD ein; im Wahlkreis Göppingen wählte man ihn mit großer Mehrheit in den württembergischen Landtag.

In der SPD erkannte er gelebte Nachfolge Christi; zugleich versuchte er, die Partei im Geist des Evangeliums zu beeinflussen. Damit wurde Christoph Blumhardt zu einem der Väter des Religiösen Sozialismus. Der kapitalistischen „Herrschaftsmoral“ setzte er eine „Gemeinschaftsmoral“ entgegen, die zur gemeinschaftlichen Verwaltung der Produktionsmittel führen sollte. Die Forderungen blieben im Grundsätzlichen, weil historische Erfahrungen mit Kommunismus und Stalinismus auf der einen Seite und mit Sozialer Marktwirtschaft auf der andern noch fehlten. Dennoch wurde Blumhardts Profil sichtbar, der – bei deutlicher Wahrnehmung des Klassengegensatzes - den Klassenkampf in Form einer gewaltsamen Machtergreifung des Proletariats ablehnte: „Da steht Trotz gegen Trotz, und es schweigt der höhere Ton des Reiches Gottes.“ Ungeachtet harter Auseinandersetzungen sah er den Sozialismus angetrieben durch die versöhnenden Kräfte des Reiches Gottes. Die grundsätzliche Ausrichtung des politischen Handelns auf den kommenden Christus, der zudem als der eigentlich Handelnde gesehen wurde, war ihm wichtig. Sein Briefwechsel mit dem Schweizer Pfarrer Howard Eugster-Züst macht es ganz deutlich: „Es wird schließlich Gottes Reich heißen, nicht sozialdemokratisches Reich.“ Damit geriet er in Konflikt mit seiner Partei.

Karl Barth, der das theologische Denken bis heute entscheidend geprägt hat, lernte als Student Christoph Blumhardt in Bad Boll kennen. Die Einsicht, dass das kommende Gottesreich nicht ohne weiteres mit menschlichem Fortschrittshandeln identisch ist, taucht in Barths Dialektischer Theologie wieder auf. Einfluss übte Blumhardt auch auf Eduard Thurneysen, Hermann Kutter und Leonhard Ragaz. Sozialdemokratische Persönlichkeiten wie Clara Zetkin besuchten Bad Boll; August Bebel schrieb anerkennende Worte.

Nach dem Verzicht auf eine erneute Kandidatur für den Landtag erkrankte Christoph Blumhardt 1906 auf einer Palästinareise an Malaria. Er zog sich nach Jebenhausen ins Haus Wieseneck zurück, hielt aber weiter Predigten im nahen Bad Boll. Frühzeitig warnte er vor dem drohenden Weltkrieg. Nach einem Herzanfall 1911 übernahm Eugen Jäckh einen Teil der Predigten. 1917 machte ein Schlaganfall den endgültigen Rückzug in die Stille notwendig.

Die Besitzverhältnisse des Kurhauses wurden neu geregelt. Bislang im Besitz der Familie Blumhardt, wobei Christoph Blumhardt als Generalbevollmächtigter der Vermögensgemeinschaft vorstand, wurde 1913 die Bad Boll GmbH gegründet. Als Geschäftsführer berief man den Basler Theologen Samuel Preiswerk, der zugleich die Funktion des Hausvaters übernahm; sein Nachfolger wurde Blumhardts Schwiegersohn Eduard Vopelius. Nach Christoph Blumhardts Tod 1919 beschloss der engere Freundeskreis, dem auch die Weggefährtin Anna von Sprewitz angehörte, die Herrnhuter Brüdergemeine zu bitten, Bad Boll als Geschenk zu übernehmen und im Blumhardtschen Sinne weiterzuführen.

Die alte Gewohnheit, Johann Christoph Blumhardt in kirchlich-„konservativen“ Kreisen, Christoph Blumhardt dagegen in kirchenpolitisch „progressiven“ Gruppen – jeweils auf Kosten des andern – wertzuschätzen, ist mit den Ergebnissen der Forschung nicht zu vereinbaren. Beide Blumhardt verbinden auf ihre Weise Erwecklichkeit mit gesellschaftlichem Handeln. Der Vater legt den Akzent auf die Individualseelsorge, beschränkt sich aber nicht darauf, sondern wirkt auch als Wirtschaftsförderer und Synodaler. Der Sohn predigt nicht nur gegen ungerechte gesellschaftliche Strukturen. Auch er ist Individualseelsorger; auch bei ihm kommt es zu Gebetsheilungen seelisch und körperlich Leidender.

 

Erstabdruck in: Württembergergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band I. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Blumhardt, Johann Christoph

Von: Ising, Dieter

Johann Christoph Blumhardt (1805-1880)


Johann Christoph Blumhardt (1805-1880)

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nachlass Jäckh

Johann Christoph Blumhardt wurde 1805 in Stuttgart als Kind armer Leute geboren. Nach dem Besuch des Stuttgarter Gymnasiums und des Niederen Seminars Schöntal studierte er von 1824–1829 evangelische Theologie an Universität und Stift Tübingen. Nach dem Vikariat in Dürrmenz 1829/1830 wurde er Lehrer an der Missionsschule in Basel, wechselte 1837 als Pfarrgehilfe nach Iptingen und erhielt 1838 seine erste Pfarrstelle in Möttlingen. Dort erlebten er und seine Frau Doris geb. Köllner die Heilung der Gottliebin Dittus, die Erweckung des Dorfes und Heilungen zahlreicher seelischer und körperlicher Leiden. In Möttlingen entwickelte er die Anfänge seiner Theologie der Hoffnung, bevor er 1852 in Bad Boll ein Seelsorgezentrum gründete. Seine Erlebnisse und Hoffnungsgedanken machte er unter den internationalen Gästen Bad Bolls, auf zahlreichen Reisen und in einer Anzahl von Veröffentlichungen publik. Der unlängst erschienene Briefwechsel Johann Christoph Blumhardts (ca. 3.900 Dokumente) gibt darüber hinaus neue Einblicke in sein Leben und Werk.

Wir begegnen hier einem Theologen, der Gottes Zukunft eine zentrale Bedeutung zuweist und darüber hinaus vom Schon-jetzt des Erhofften sprechen kann. Er steht in einer Linie, die sich von Philipp Jakob Speners „Hoffnung besserer Zeiten" durch die Theologiegeschichte zieht und etwa bei Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger und Philipp Matthäus Hahn auf unterschiedliche Weise sichtbar wird. Bei Johann Christoph Blumhardt kulminiert sie in einer lebendigen Naherwartung, in einem radikalen Ernstnehmen der göttlichen Verheißungen, einem ökumenischen Denken, einer ganzheitlichen Seelsorge.

Es beginnt mit den rätselhaften Ereignissen um Gottliebin Dittus, eine junge Frau aus seiner Möttlinger Gemeinde. Sie haben Blumhardt unter aufgeklärten Zeitgenossen den Ruf eines Teufelsaustreibers eingebracht. Die anschließende Erweckung seiner Gemeinde glauben manche mit Hilfe psychoanalytischer Kategorien in den Griff zu bekommen. Damit verbundene Heilungen seelischer und körperlicher Erkrankungen haben ihn zudem als Wunderheiler erscheinen lassen.

Ein Blick auf die historischen Quellen ist angebracht. Die veröffentlichten Schriften und Briefe Blumhardts zeigen, dass es ihm um ein geistliches Neuwerden geht, um den oft schmerzlichen und dann befreienden Prozess der Selbsterkenntnis und Buße, das Ablegen frommer Halbheiten, die Bereitschaft, das Leben ohne Rückhalt nach dem Wort Gottes zu gestalten. Er gebraucht dafür das Wort „Bekehrung", setzt sich aber scharf ab von einem erzwingerischen Verständnis, das den Geschenkcharakter des Neuanfangs vergisst.

So drängt er nicht, sondern wartet, bis man zu ihm kommt. Und die ganze Möttlinger Gemeinde kommt, erschüttert von dem, was mit Gottliebin Dittus vorgegangen ist. In Blumhardts Amtszimmer können die Menschen reden, erzählen von sexuellen Problemen, von Alkoholismus, von Betrügereien. Was diese Situation von der des therapeutisches Gesprächs unterscheidet, ist das gemeinsame Gebet. Man steht vor Gott; er ist der Hörende und Antwortende, Blumhardt nur der Vermittler.

Die Antwort fällt entsprechend aus. Die Möttlinger machen nicht den Eindruck, sich bloß etwas von der Seele geredet zu haben. Im Ort weht eine andere Luft; aus freien Stücken trifft man sich in Gebetskreisen. Die Dokumente aus dieser Zeit geben nicht den Eindruck säuerlicher Frömmigkeit, auch nicht den eines schwärmerischen Enthusiasmus. Man achtet auf geistliche Nüchternheit; kein Strohfeuer soll es werden, sondern eine Gemeinde, von der etwas ausstrahlt.

Es kommt zu Heilungen seelischer, aber auch körperlicher Krankheiten. Anfangs ist Blumhardt selbst überrascht, dann versteht er dies genauso wie die Erweckung als Geschenk Gottes. Ihr gegenüber ist Heilung sekundär, eine zusätzliche Gabe, die sich ebenfalls nicht erzwingen lässt. In den Berichten kommen Beteiligte und Zuschauer, nicht nur Blumhardt, zu Wort. Da ist von Zwangsvorstellungen die Rede, von Magenbeschwerden, aber auch von Gliederweh, Unterleibskrankheiten, Sehbehinderungen. Epileptiker erzählen von Blumhardts Gebet und dem erschütternden Eindruck der Gegenwart Gottes; einige von ihnen sind darauf jahrelang anfallsfrei.

Als Menschen des 21. Jahrhunderts haben wir das Recht, hier nachzufragen. In der Tat kommt Bekanntes ins Spiel wie etwa Autosuggestion, die feste Überzeugung, bei Blumhardt geheilt zu werden. Verschüttete Energien werden mobilisiert. Die Einfühlsamkeit des Seelsorgers und seine pädagogische Begabung tun ein Übriges. Dennoch lässt sich der deutliche Eindruck nicht verwischen, dass sich etwas ereignet, was sich wissenschaftlicher Deutung letztlich entzieht. Rationale Betrachtung ist notwendig, rationalistische Befangenheit dagegen überflüssig. Und so ist es ein Gebot wissenschaftlicher Redlichkeit, den Horizont aufklärerischen Weltverständnisses offen zu halten. Es geht nicht gegen die Aufklärung, es geht um ihre Tiefe.

Christen reden hier vom Wirken des Heiligen Geistes, das Menschen verändert und sie dazu bringen kann, gegen gesellschaftliches Unrecht aufzustehen, für Versöhnung einzutreten, aber ihnen auch das Geschenk seelischer und leiblicher Heilung macht.

Dies alles versteht Blumhardt als Teil eines Prozesses, der auf seine eigentliche Erfüllung noch hintreibt. Nur ein Vorgeschmack kann es sein angesichts des Elends in der Welt. Auf eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes hofft er, die bald eintreten wird, so bald, dass man sie mit Händen greifen kann. Danach wird Christus sein Reich aufrichten.

Blumhardts Naherwartung hat sich nicht erfüllt. Werden Möttlingen und Bad Boll damit letztlich zu Peinlichkeiten der Kirchengeschichte? Offensichtlich ist das Kommen von Gottes Reich nicht auf einer linearen Zeitschiene zu denken. Gottes Geschichte mit den Menschen ist kein Intercityexpress, der über die Stationen „Geistausgießung" und „Christi Wiederkunft" planmäßig die heilsgeschichtliche Vollendung erreicht. Daher hat Jürgen Moltmann von „messianischen Augenblicken" gesprochen, die sich in der Geschichte ereignen. Sie sind nicht von Dauer, sondern Impulse, die neu auf Gottes Zukunft weisen, Umkehr ermöglichen, Kräfte freisetzen. Die Kräfte wirken und verlöschen wieder; neue messianische Augenblicke werden erhofft.

Was hindert daran, auch Möttlingen und Bad Boll in dieser Weise zu verstehen? Nicht als Zeugnisse einer „schönen" Vergangenheit stehen sie dann vor uns, sondern als messianischer Augenblick, der damals Zukunft eröffnet hat und dies auch heute tun kann.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Böklen, Ernst

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. Ernst Böklen (1863-1935)
  2. 1: Familienverhältnisse
  3. 2: Biographische Würdigung
  4. Anhang

Ernst Böklen (1863-1935)

1: Familienverhältnisse

V Hermann B. (30.10.1827-31.12.1903), Kaufmann. M Julie, geb. John (4.5.1827-11.4.1893). G Anna (* 1865), Gustav (* 1866), Wilhelm (* 1848). ∞ 30.9.1890 Auguste, geb. Roth (8.10.1866-9.6.1960), Tochter des Johann Georg Roth, Fabrikant in Ravensburg. K Martha (* 1891); Elisabeth (* 1893); Sophie (*1895)

2: Biographische Würdigung

Ernst Boeklen (1863-1936), um 1930

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 2779

Böklen wurde am 22. Juli 1863 in Stuttgart geboren. Seine besonderen Interessen galten schon in seiner Studienzeit, unter dem Einfluss seiner akademischen Lehrer Julius von Grill und Emil Kautzsch, dem Alten Testament.  Die alttestamentarische Religion in ihren Zusammenhängen mit der allgemeinen Religionsgeschichte zu sehen und selbst zu erforschen, veranlasste ihn, eine zweimal, 1892 und 1894 von der Teylerschen Theologischen Gesellschaft in Haarlem gestellte Preisaufgabe über den „Einfluss des Parsismus auf das Judentum“, zu beantworten, das zweite mal mit dem Erfolg, dass ihm die silberne Medaille dieser Gesellschaft zuerkannt wurde. Einen Teil dieser Arbeit überarbeitete er und veröffentlichte sie. Bei seiner Promotion wurde diese Arbeit dann als Dissertation angenommen. Professor Wilhelm Bousset stand ihm bei dieser Umarbeitung beratend zur Seite. Richtungweisend für seine wissenschaftliche Weiterentwicklung wurde dann ab etwa 1898 seine Bekanntschaft mit den Werken von Ernst Siecke, in welchen Astronomie, Astrologie und alte Mythologien in Beziehung zu einander gesetzt werden. Vor allem der Einfluss der Wahrnehmung des zu- und abnehmenden Mondes auf den Menschen und als Mondkalender für seine Orientierung in der Zeit sieht B. immer wieder als Schlüssel für die Deutung der Mythen an, und er versucht dies durch die Vergleichung der Mythenstoffe der unterschiedlichen Völker zu belegen. Durch diesen Anstoß gelangte er zu einem ganz neuen Verständnis des Alten Testaments. Die erste Frucht seiner durch Siecke gewonnenen Anschauungsweise war seine Abhandlung über die Sintflutsage. Wenige Jahre später schloss sich der als liberal geltende Pfarrer mit Siecke und ähnlich gerichteten Forschern wie Lessmann, Hüsing, Ehrenreich und anderen zu der Gesellschaft für vergleichende Mythenforschung zusammen, die sich aber nach nur kurzem Bestehen während des Kriegs und infolge dessen wieder auflöste. Die Gesellschaft für vergleichende Mythenforschung vertrat den Standpunkt, dass die Mythen vermutlich durchweg, zum mindesten ganz überwiegend, die Schicksale der Himmelskörper behandelten, und es seien zunächst und im engeren Sinne, Erzählungen dieser Art, welche im Verständnis dieser Gesellschaft unter einem Mythos verstanden wurden.

Einen etwas anderen Ansatz verfolgte B. mit seinen beiden Sneewitchenstudien, wo er das Märchen in eine Motivreihe zerlegt, welche er in zahlreichen anderen Märchen wieder findet. Diese seien nur Varianten dieses besonderen Märchentyps, für den er jedoch keine Deutung liefert. Seine Arbeit über die „Unglückszahl 13“, welche bezeichnenderweise 1913 erschien, vergleicht das Vorkommen dieser Zahl in den Mythen, und leitet die Bewertung dieser Zahl aus dem Mondkalender ab.

Die sich ihm mehr und mehr aufdrängende Überzeugung von dem innigen Zusammenhang zwischen Mythos und Sprache und den ähnlichen Bedingungen ihrer beiderseitigen Entstehung veranlasste ihn, seine Anschauungen hierüber in dem Buch über „Die Entstehung der Sprache im Lichte des Mythos“ vorzulegen. Bei der Entstehung der Sprache habe die naive Wahrnehmung des zu- und abnehmenden Mondes eine Schlüsselrolle gespielt,  indem der Ursprung des Sprechens das Nachahmen der Mondphasen gewesen sei, was er durch die vergleichende Untersuchung von Mythen zu stützen sucht.

Seinen Ruhestand verbrachte B. in seinem als Alterssitz erworbenen Häuschen in Murrhardt, wo auch seine Tochter Sophie lebte. Dort konnte er sich weiterhin mit seinen Studien beschäftigten. Für die Murrhardter Zeitung schrieb er in
größeren Abständen ortskundliche Artikel. B. verstarb am 21. Mai 1935 durch einen plötzlichen Schlaganfall während eines Besuches bei der Familie seiner Tochter, die mit ihrem Mann, dem Sägewerksdirektor Rudolf Sigel in Villach in Kärnten lebte. B. war zur Konfirmation seines jüngsten Enkelkindes angereist.

Die unveröffentlichten Manuskripte einiger weiterer Arbeiten des Mythenforschers gingen an die Württembergische Landesbibliothek. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem Neuen Testaments, so den Gleichnissen Jesu, seiner Auferstehung und Passion, seiner „Wahl zum König“. Aber auch eine Untersuchung über das Brautwerbermärchen im Alten und im Neuen Testament findet sich unter diesen Arbeiten. Auch hier versuchte er, die Inhalte durch systematisches Vergleichen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. 

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Brenz, Johannes

Von: Deuschle, Matthias A.

Inhaltsverzeichnis
  1. 1: Lebensdaten
  2. Johannes Brenz (1499-1570)
  3. 1.1: Eltern
  4. 1.2: Ausbildung
  5. 1.3: Beruflicher Werdegang
  6. 1.4: Familie
  7. 2: Biographische Würdigung
  8. Anhang

1: Lebensdaten

Johannes Brenz (1499-1570)

1.1: Eltern

Johannes Brenz erblickte am 24. Juni 1499 als ältester Sohn von Johannes Hess, genannt Brenz, und Katharina Henig in der Freien Reichsstadt Weil der Stadt das Licht der Welt. Der Vater war 24 Jahre lang Vorsitzender des Stadtgerichts („Schultheiß“), die Mutter stammte aus Enzvaihingen. Wahrscheinlich hatte er drei jüngere Brüder.

1.2: Ausbildung

Nach den ersten Schuljahren in Weil der Stadt wurde Brenz im Jahr 1510 auf die Lateinschule in Heidelberg geschickt, schon 1511 wechselte er nach Vaihingen an der Enz. Am 13. Oktober 1514 schrieb er sich an der Universität Heidelberg zum Studium der Freien Künste („Artes liberales“), einer Art Grundstudium, ein. Dabei widmete er sich insbesondere den antiken Sprachen, unter anderem wurde er von Johannes Oekolampad im Griechischen unterrichtet. 1518 legte er die Magisterprüfung ab. In dem daran anschließend begonnenen Theologiestudium erlangte er hingegen keinen Abschluss. Neben Oekolampad lernte er in Heidelberg Martin Bucer, Theobald Billicanus und weitere Repräsentanten der späteren reformatorischen Bewegung kennen. Prägend war für ihn die Begegnung mit Luther, der am 26. April 1518 in Heidelberg über die Kreuzestheologie disputierte („Heidelberger Disputation“).

1.3: Beruflicher Werdegang

Johannes Brenz (1499-1570), Holzschnitt

Gemeinfrei

1522 übernahm Brenz die Stelle eines Prädikanten in der Freien Reichsstadt Schwäbisch Hall; schon bald begann er, im reformatorischen Sinne zu predigen. Im folgenden Jahr empfing er gleichwohl noch die Priesterweihe in seiner Heimatstadt. Als Berater nahm er an zahlreichen Versammlungen teil, unter anderem für Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach am Augsburger Reichstag im Jahr 1530. 1548 musste der die Stadt als Gegner des kaiserlichen Religionsgesetzes („Interim“) verlassen. Unter dem Schutz des württembergischen Herzogs lebte er verborgen an verschiedenen Orten. Mehrere Berufungen ins Ausland schlug er aus. Ab 1550 war er als Berater des auf seinen Vater folgenden Herzogs Christoph tätig. Er konnte aber erst 1554 offiziell in dessen Dienst treten: als Propst und herzoglicher Rat für Kirchenfragen. Bis zu seinem Tod am 11. September 1570 füllte er die Stelle aus, die nicht nur mit zahlreichen Reisen durch das Land und Gesandtschaften ins Ausland, sondern auch mit dem regelmäßigen Predigtdienst an der Stiftskirche verbunden war.

1.4: Familie

Brenz war zweimal verheiratet. Aus der Ehe mit der verwitweten Margarete, Tochter des Haller Ratsherrn Kaspar Gräter, gingen sechs Kinder hervor. Nachdem Margarete im November 1548 verstorben war, heiratete er eine Nichte seines Haller Freundes und Kollegen Johann Isenmann, Katharina, geb. Isenmann. Sie gebar ihm 13 Kinder. 13 der 19 Kinder überlebten ihn und hinterließen eine große Nachkommenschaft, zu der bekannte Persönlichkeiten wie die Theologen Johann Albrecht Bengel, Friedrich Christoph Oetinger und Dietrich Bonhoeffer, der Philosoph Hegel, die Dichter Uhland und Hesse sowie die Familie von Weizsäcker gehört.

2: Biographische Würdigung

Nachdem sich Brenz bereits in Heidelberg der reformatorischen Lehre zugewandt hatte, trat er in Schwäbisch Hall offen als Anhänger Luthers auf und wurde zum Reformator der Reichsstadt. Im Bauernkrieg 1525 zeichnet er sich durch eine milde Haltung gegenüber den Aufständischen aus. Seine behutsamen Schritte, die Stadt der Reformation zuzuführen, gipfelten 1527 in dem Entwurf einer Kirchenordnung, die allerdings nur teilweise in Kraft trat. Von großer Bedeutung sind Brenz‘ Katechismen: Der 1528 erschienene ist einer der ersten evangelischen Katechismen überhaupt. Wirksamer wurde jedoch sein zweiter, 1535 veröffentlichter Katechismus. Er wurde schließlich Teil der württembergischen Kirchenordnung und – z.T. in Kombination mit Luthers Katechismus – viele Jahrhunderte als Lehrbuch verwendet. Auch über die Grenzen Halls hinaus war Brenz tätig: Im Abendmahlsstreit trat er früh auf die Seite Luthers. Seit 1528 beriet er Markgraf von Brandenburg-Ansbach; 1529 nahm er am Marburger Religionsgespräch und 1530 am Augsburger Reichstag teil. Außerdem wirkte er seit 1535 bei der Einführung der Reformation in Württemberg mit. Nachdem die Evangelischen im Schmalkaldischen Krieg besiegt worden waren, widersetzte er sich dem Versuch Kaiser Karls V., mit Hilfe eines Religionsgesetzes („Interim“) die religiöse Einheit im Reich wiederherzustellen, die mit der Aufgabe des größten Teils der reformatorischen Errungenschaften verbunden gewesen wäre. Er floh vor den kaiserlichen Truppen und lebte mehrere Jahre an unterschiedlichen Orten, wobei er sich weiterhin als theologischer Schriftsteller und Gutachter betätigte.

1550 übernahm Herzog Christoph die Regierung. Als Beleg für seine reformatorische Gesinnung kann das Württembergische Bekenntnis gelten, das, von Brenz verfasst, 1553 dem Konzil von Trient vorgelegt wurde. Eine ausführliche Verteidigung des Bekenntnisses aus Brenz‘ Feder, die „Apologie“, wurde zur theologischen Grundlage für die nach 1552 erneuerte evangelische Kirche im Herzogtum. 1553 rief ihn der Herzog nach Stuttgart, seit dem 24. September 1554 trug er offiziell den Titel des Propstes an der Stiftskirche. Konsequent ging er an den Aufbau der Kirche. Es entstanden zahlreiche Ordnungen, die 1559 in der Großen Württembergischen Kirchenordnung zusammengefasst wurden. Vor allem aber war Brenz als Schriftausleger tätig: Seine Predigten und Bibelkommentare wurden für viele Generationen zum Vorbild und beeinflussten nicht zuletzt den württembergischen Pietismus (vgl. J.A. Bengel).

Theologisch blieb Brenz zeitlebens Schüler Luthers. Die Bindung an die Schrift und die Zentralstellung der Rechtfertigungslehre kennzeichnen seine Lehre. Kompromisslos für die wahre Lehre eintretend, war Brenz gleichwohl zurückhaltend im gewaltsamen Vorgehen gegen Täufer und bei der Verdammung andersdenkender Evangelischer. In den Auseinandersetzungen nach Luthers Tod beschwor Brenz, der neben Melanchthon die größte Autorität im lutherischen Lager hatte, die Einheit des Luthertums im Gegenüber zum wieder erstarkenden römischen Katholizismus. Durch Brenz erhielt Württemberg eine eindeutig lutherische Prägung. Als sich in den 1550er Jahren Calvins Abendmahlslehre auszubreiten begann, trat Brenz vehement für Luthers Ansichten ein, wodurch er in Gegensatz zu Melanchthon geriet. Anknüpfend an Luther behandelte er insbesondere die Frage, was die Einheit von Gott und Mensch in Christus für die Gegenwart Christi im Abendmahl bedeutet. Die großen christologischen Schriften, die in diesem Zusammenhang entstanden, wurden grundlegend für die Ausprägung einer Tübinger Theologie im 17. Jh. Brenz betont darin, dass Christus als Mensch und Gott in vollkommener Einheit der Person auch nach seiner Himmelfahrt in der Welt wirksam gegenwärtig ist.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Brastberger, Immanuel Gottlob

Von: Schöllkopf, Wolfgang

Immanuel Gottlob Brastberger (1716-1764)

Immanuel Gottlob Brastberger

gemeinfrei (Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart)

Der Schüler Bengels und Nürtinger Dekan verfasste eine Predigtsammlung im Geist des Pietismus, die zu den am weitesten verbreiteten Büchern des 19. Jahrhunderts gehörte.

Immanuel Gottlob Brastberger wurde als Dekanssohn am 10. April 1716 in Sulz am Neckar geboren. Nach dem Theologiestudium im Tübinger Stift, wo er Friedrich Christoph Oetinger als Repetent erlebte, zog er als Garnisonspfarrer in die gerade aufgebaute neue Residenzstadt Ludwigsburg. Die barocke Pracht war dem Pietisten ein Dorn im Auge. Schwere Krankheit prägte sein Leben und seinen Glauben. 1745 kam Brastberger als Pfarrer nach Oberesslingen. 1756 wurde er Dekan in Nürtingen und damit an der Kirche, an der sein Lehrer Johann Albrecht Bengel einst Vikar gewesen war. Im Jahr seines Aufzugs hielt Brastberger eine aufsehenerregende Predigt zum Gedenken an den verheerenden Stadtbrand von 1750, in der er die Katastrophe als Gericht Gottes deutete. Als Bibelwort wählte er seltsamerweise das Jesus-Wort von dem, der gekommen ist, „ein Feuer anzuzünden“ (Lukas 12,49). Er hielt eine Erbauungsstunde, zu der über 70 Menschen strömten, obwohl nach dem Pietisten-Rescript von 1743 nur 15 erlaubt waren. Von Krankheit gezeichnet starb er mit nur 48 Jahren.


Ein Buch geht um die Welt

Berühmtheit erlangte Brastberger als Verfasser einer Predigtsammlung, die in vielen schwäbischen Häusern zu den Andachtsbüchern gehörte, aus denen bei der Hausandacht vorgelesen wurde. Dazu wurde das Werk „Evangelische Zeugnisse der Wahrheit“ (1. Aufl. 1758) durch die Auswanderer auch in der ganzen Welt verbreitet. Das Buch verband sie mit der schwäbischen und mit der ewigen Heimat. Es erreichte neben der Bibel und dem Koran die höchsten Auflagen des 18. und 19. Jahrhunderts und ist 1883 schon in 85. Auflage erschienen, samt Kommissionsausgaben in Amerika und Russland. Es enthält 92 Predigten nach dem Kirchenjahr, in einfacher Sprache verfasst. Brastberger schilderte seine Absicht im Vorwort: „Mir war es darum zu tun, die Seelen nur aufzumuntern, daß sie die elenden Sandgebäude eines landläufigen, bodenlosen Christentums niederreißen, und den Grund zu einem wahren, tätigen, Gott gefälligen Christentum durch die Gnade in sich legen lassen.“

Nach einem Gottesdienst in der Nürtinger Stadtkirche brachte mir einmal ein älteres Ehepaar „seinen“ Brastberger – eine Ausgabe aus St. Petersburg, die ihre Vorfahren einst mitgenommen, die sie selbst als Russlanddeutsche in Ehren gehalten und schließlich wieder mitgebracht hatten. Was für eine Reise des Brastberger‘schen Predigtbuchs, einer Art „portativer Heimat“ (Heinrich Heine)!

Aktualisiert am: 04.06.2024

Canz, Wilhelmine

Von: Kittel, Andrea

Wilhelmine Canz (1815-1901)

Wilhelmine Canz

Quelle: Großheppacher Schwesternschaft

1856 gründete Wilhelmine Canz in Großheppach im Remstal die erste Bildungsanstalt für evangelische Kleinkinderpflegerinnen in Württemberg. Die „Großheppacher Schwesternschaft“ residiert mittlerweile in Beutelsbach und umfasst neben dem Mutterhaus eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik, eine evangelische Fachschule für Altenpflege, ein Wohn- und Pflegestift sowie ein Kinder- und ein Gästehaus.

Am 27. Februar 1815 wurde Wilhelmine Canz in Hornberg im Schwarzwald geboren. Schon in jungen Jahren setzte sie sich mit Grundfragen des Glaubens auseinander. Durch ihren Bruder, einen Theologen, hatte sie die spannungsgeladene Auseinandersetzung zwischen hegel‘schem Idealismus und biblischem Glauben mitverfolgt. 1843 begann die damals 28-Jährige an ihrem Roman „Eritis sicut Deus“ („Ihr werdet sein wie Gott“) zu arbeiten, den sie 1852 zunächst anonym veröffentlichte.  Das Buch, eine Erwiderung auf David Friedrich Strauß‘ „Das Leben Jesu“, war heftig umstritten. Im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen galt für Frauen in der damaligen Zeit als nicht angemessen. Wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen fand Wilhelmine Canz schließlich ihr eigentliches Betätigungsfeld in der Diakonie.

Im Jahr 1856 gründete sie in Großheppach im Remstal die erste Bildungsanstalt für evangelische Kleinkinderpflegerinnen in Württemberg. Dass die Kleinkinderbetreuung auf professionelle Füße gestellt werden musste, hatte sie bei Regine Jolberg gesehen, die einige Jahre zuvor eine entsprechende Ausbildungsstätte im badischen Nonnenweiler eröffnet hatte. Doch einfach sollte für Wilhelmine Canz auch dieses Projekt nicht werden. In kirchlichen Kreisen stand man ihrem Vorhaben skeptisch gegenüber. In der Verwandtschaft erntete sie Hohn und Spott, und bei Damenkaffees lachte man über ihre Idee, kostenlos Kinder von Bauernweibern zu hüten und einfache Mägde zu Erzieherinnen heranbilden zu wollen. 

Der Erfolg gab Wilhelmine Canz am Ende recht: Die Bildungsanstalt konnte beständig ausgebaut werden. An lernwilligen jungen Frauen gab es keinen Mangel. Die ausgebildeten Kleinkinderpflegerinnen wurden in einer Schwesternschaft nach genossenschaftlichem Prinzip organisiert und in die überall neu entstehenden „Kleinkinderpflegen“ gesandt. Nach den damals neuesten pädagogischen Erkenntnissen wurden die Kinder dort betreut, erzogen und gefördert. Notwendige Anerkennung erfuhr die Großheppacher Einrichtung durch Königin Olga, die 1870 höchstpersönlich zu Besuch kam und Wilhelmine Canz später mit dem Olga-Orden ehrte. 

41 Jahre lang führte Wilhelmine Canz die Bildungsanstalt bis zu ihrem Ruhestand 1897. Als „Mutter Canz“ am 15. Januar 1901 starb, zählten 349 Schwestern zur „Großheppacher Schwesternschaft“. Heute residiert das Werk in Beutelsbach und umfasst neben dem Mutterhaus eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik, eine evangelische Fachschule für Altenpflege, ein Wohn- und Pflegestift sowie ein Kinder- und ein Gästehaus.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Christaller, Johann Gottlieb

Von: Quack, Jürgen

Johann Gottlieb Christaller (1827-1895)

Archiv der Basler Mission, QS-30.006.0256.01. Foto:Hermann Brandseph, Stuttgart

Es war keine leichte Aufgabe, die dem jungen Johann Gottlieb Christaller anvertraut wurde: Er sollte eine afrikanische Sprache erforschen, die bisher keine Schrift besaß, sollte ein Wörterbuch und eine Grammatik, dazu Schulbücher und eine Bibelübersetzung anfertigen. Nur eines war schon deutlich: diese Sprache besaß viel mehr Töne als das deutsche Alphabeth Buchstaben besaß.

Christaller wurde 1827 im württembergischen Winnenden geboren und wuchs nach dem frühen Tod des Vaters in Armut auf. Er lernte den Beruf des Schreibers, also eines Verwaltungsangestellten im örtlichen Rathaus. Durch den Besuch der Missionsstunden des Pfarrers motiviert, meldete er sich in Basel für die Ausbildung zum Missionar. Schon früh wurde dort seine große Sprachbegabung erkannt. Daher wurde er 1852 mit dem Auftrag ausgesandt, die Sprache der Region um Akropong auf der Goldküste im heutigen Ghana zu erforschen. Diese war bisher unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt: Otschi, Otji, Otsui, Chee, Tshi oder Tyi.


Archiv der Basler Mission, D 30.64.154.

Christaller suchte den Kontakt mit den Menschen und war fasziniert. Er kam geradezu ins Schwärmen, wenn er die Vorzüge der afrikanischen Sprachen schilderte: sie seien reich an malerischen Wortformen und Ausdrücken „und wem erst der Sinn für den beständigen Wechsel der hohen und tiefen Töne in größeren und geringeren Abständen mit allerlei Zwischenstufen aufgegangen ist, der muss diesen Sprachgesang anmutig und seelenvoll finden.“ Begeistert berichtete er nach Basel, er sei dabei, die „Früchte, Blüten, Laub und Zweige des Bäumchens der Otschi-Sprache“ kennenzulernen und in eine systematische Ordnung zu bringen. Dabei entdeckte er die Bedeutung der unterschiedlichen Tonhöhen: „Begonnen wird meist in höheren Tönen, dann hüpft und fließt und bewegt sich der Strom der Rede wellenförmig mit hohen oder tiefen Schlusssilben (…).“(1) In enger Zusammenarbeit mit seinen einheimischen „Sprachgehilfen“ verstand er es, die vielschichtigen Bedeutungshorizonte zu entschlüsseln und in geschriebenes Wort zu übertragen. Um die unterschiedlichen Töne und die Tonhöhe schriftlich festzuhalten, schuf er ein System von 39 Vokalzeichen.

Neben der Arbeit an der Sprache um Akropong, die heute Twi genannt wird, untersuchte er mit Unterstützung einheimischer Mitarbeiter auch zahlreiche andere afrikanische Sprachen und Dialekte.(2) Seine Mitarbeiter stammten aus der ersten Generation einheimischer Christen, die, ausgebildet in den Basler Missionsschulen, selbst unterrichtend, evangelistisch und schreibend tätig waren. Es gelang diesem interkulturellen Team nicht nur Sprachen zu verschriftlichen, sondern auch spezifische, kulturell verortete Ausdrucksweisen zu übersetzen und die Grundlagen für eine Twi-Literatur zu schaffen. Ihr Beitrag zu Bildung, Sprache und Kultur ebnete den Weg zu einer selbständigen Kirche in Ghana.

Wegen seiner schwachen Gesundheit kehrte Christaller mit seiner Familie 1868 nach Deutschland zurück und ließ sich in Schorndorf nieder. Seine Sprachstudien führte er zeitlebens fort. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen gab er seit 1883 die erste ghanaische Zeitschrift in den Sprachen Twi und Ga (heute: „Christian Messenger“) heraus – selbstverständlich gemeinsam mit seinen afrikanischen Weggefährten, die ihn immer wieder in Schorndorf besuchten.

Die mittlerweile selbständige Presbyterian Church of Ghana (PCG) schätzt Johann GottliebChristaller bis heute sehr. Als sie 1986 in Akropong ein Forschungs- und Studienzentrum zur Frage von Mission, Kultur und Sprache einrichtete, nannte sie es „Akrofi*-Christaller Memorial Centre“, heute eine kleine Universität mit Studierenden aus ganz Afrika. Der Gründungsrektor Kwame Bediako sagte über Christaller mit großem Respekt: Er ist einer unserer Ahnen geworden.“

Aktualisiert am: 04.06.2024

Claß, Helmut

Von: Stegmann, Andreas

Helmut Claß (1913-1998)

Lebensdaten

Eltern: Helmut Claß wurde am 1. Juli 1913 als ältester Sohn von Oberreallehrer Dr. Hermann Claß und Johanne Claß (geb. Goller) in Geislingen / Steige geboren. Das Elternhaus war kirchlich geprägt; vor allem durch seine Mutter lernte Claß früh die Lebenswelt und Traditionen des württembergischen Pietismus kennen.

Ausbildung: Claß besuchte von 1919 bis 1921 die Volksschule in Geislingen-Altenstadt, von 1921 bis 1927 das Reformrealgymnasium in Geislingen und von 1927 bis 1931 das Zeppelingymnasium in Stuttgart. Im Sommersemester 1931 begann Claß das Studium der Evangelischen Theologie an der Theologischen Schule in Bethel; im Sommersemester 1932 wechselte er nach Tübingen; 1933 ging er für das Sommersemester nach Marburg; und vom Wintersemester 1933 bis zum Sommersemester 1935 schloss er in Tübingen sein Studium ab. Seine wichtigsten akademischen Lehrer waren Karl Heim, Rudolf Bultmann und – obwohl Claß nicht bei ihm studierte – Karl Barth. Neben der aktuellen theologischen Diskussion wurden für Claß im Studium auch das Luthertum und den Pietismus wichtig. Er kannte und schätze Martin Luthers Schriften und war vertraut mit den Klassikern des lutherischen und insbesondere württembergischen Pietismus von Spener bis zu den Blumhardts. Der Kirchenkampf 1933/34 war für Claß ein eindrückliches Erlebnis; von Anfang an stand er auf Seiten der Bekennenden Kirche und hielt treu zu Landesbischof Theophil Wurm.

Beruflicher Werdegang: Im Frühjahr 1936 legte Claß die Erste Theologische Dienstprüfung ab, wurde am 8. März 1936 ordiniert und absolvierte anschließend bis 1939 sein Vikariat an St. Bernhard in Esslingen, in der Evangelischen Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall, als Pfarrverweser in Tiefenbach (Dekanat Crailsheim) und als Mitarbeiter des Evangelischen Jungmännerbunds im Soldatenheim auf dem Truppenübungsplatz Münsingen. Nachdem er im Frühjahr die Zweite Theologische Dienstprüfung erfolgreich absolviert hatte, wurde er im Juli 1939 auf die dritte Pfarrstelle an der Kilianskirche Heilbronn berufen. Von Oktober1939 bis Dezember 1947 konnte Claß wegen Kriegsdienst – Claß war Offizier der Luftnachrichtentruppe – und sowjetischer Kriegsgefangenschaft seinen pfarramtlichen Dienst nicht ausüben. 1948/49 nahm er seinen Dienst wieder auf und wurde zusätzlich Heilbronner Stadtjugendpfarrer. Von 1950 bis 1958 war Claß württembergischer Landesjugendpfarrer, von 1958 bis 1968 leitender Pfarrer der Evangelischen Diakonieschwesternschaft Herrenberg und 1968/69 Prälat von Stuttgart. 1969 wurde Claß zum württembergischen Landesbischof gewählt. 1971 übernahm zusätzlich den Vorsitz im Diakonischen Rat des Diakonischen Werks und 1973 den Vorsitz des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nach Erreichen des 65. Lebensjahrs schied Claß 1979 aus dem Amt des EKD-Ratsvorsitzenden und des württembergischen Landesbischof. Während seiner Ruhestandsjahre engagierte er sich aber weiterhin für die Kirche, etwa indem er bis 1986 Vorsitzender des Diakonischen Rats blieb und weitere kirchliche Ämter übernahm (z.B. das des ersten Beauftragten des Rats der EKD für den Kontakt zu den evangelischen Kommunitäten). Am 4. November 1998 starb Helmut Claß in Nagold-Pfrondorf; sein Grab befindet sich auf dem Stuttgarter Waldfriedhof.

Familie: Helmut Claß war verheiratet mit Hilde Claß (1914–2001). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Martin (* 1940), Christoph (* 1943), Hanna (* 1950) und Gottfried (* 1954).

Ehrungen: 1972 Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen; 1979 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland; 1979 Ehrenritterkreuz des Johanniterordens; 1988 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg; 1993 Brenzmedaille der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Biografische Würdigung

Helmut Claß hat sich in seinem gesamten beruflichen Wirken als Pfarrer verstanden, der durch Verkündigung und Seelsorge die Menschen zum Glauben führen und im Glauben bestärken wollte. Leitend war dabei die paulinische Rede von Wort und Dienst der Versöhnung (2.Kor. 5,18–21): Die Kirche verdanke sich dem heilschaffenden Gotteswort und habe dieses Gotteswort zu bezeugen – und zwar in ihrer religiösen Verkündigung wie in ihrem diakonischen Handeln. Verkündigung und Diakonie - ,Heils- und Weltdienstʻ – hingen für Claß eng zusammen. Zusammengehalten wurden sie durch die evangelische Spiritualität, das heißt durch eine um Bibel, Gottesdienst, Sakramente und Gebet kreisende alltägliche Frömmigkeitspraxis. Die durch die evangelische Spiritualität zu Wort und Dienst der Versöhnung befähigte Kirche war nach Claß zugleich missionarisch und diakonisch – sie war ,missionarisch-diakonische Kircheʻ, wie ein Leitbegriff seiner Bischofsberichte lautet. Dieses kirchliche Programm setzte Claß in den 1950er und 1960er Jahren in der kirchlichen Basisarbeit um, als er als Landesjugendpfarrer die ländliche Jugendarbeit der Kirche neu organisierte und als leitender Pfarrer der Herrenberger Diakonieschwesternschaft die schwesternschaftliche Diakonie modernen Anforderungen anpasste. Auf beiden Arbeitsfelder erwies Claß sich als anziehender Verkündiger und Seelsorger sowie als kompetenter Organisator und Netzwerker. Auch in seiner kirchlichen Leitungstätigkeit als Prälat von Stuttgart, als württembergischer Landesbischof und als EKD-Ratsvorsitzender bemühte sich Claß um die Verwirklichung seines kirchlichen Programms. Er nutzte die Möglichkeiten, in Kirche und Öffentlichkeit für einen zugleich am biblisch-reformatorischen Christentum orientierten und für Herausforderungen der gegenwärtigen Welt evangelischen offenen Glauben zu werben. Das war angesichts der religiösen Krise der 1960er und 1970er Jahre und der die Kirche zerreißenden kirchlichen und gesellschaftlichen Konflikte nicht leicht. Die kirchlichen Organisationsreformen (z.B. die Revision der EKD-Grundordnung), die gesellschaftspolitischen Diskussionen (z.B. um den Schwangerschaftsabbruch, um das politische Engagement kirchlicher Amtsträger oder um das Verhältnis von Kirche und Staat), die ökumenischen Beziehungen (z.B. zum Ökumenischen Rat der Kirchen oder zu Kirchen auf der Südhalbkugel), der Linksextremismus (z.B. das Verhältnis der Kirche zur DKP und zur RAF), die innerkirchliche Pluralisierung (z.B. durch die organisatorische Verfestigung der Bekenntnisbewegung) oder die Kirche und Gesellschaft von unten verändernden ,neuen sozialen Bewegungenʻ (die über Basisinitiativen und Kirchentage den westdeutschen Protestantismus zu beeinflussen begannen) boten viel Konfliktstoff. Claß meisterte diese Herausforderung, weil er sich als Vermittler verstand: In seiner kirchlichen Leitungstätigkeit versuchte er die auseinanderstrebenden Lager innerhalb der Kirche zusammenzuhalten und er bemühte sich um gleichermaßen sachgerechte wie akzeptable Kompromisse.

Eine angemessene Würdigung von Claß‘ Person und Wirken ist zur Zeit nur vorläufig möglich, weil die kirchengeschichtliche Forschung die Geschichte des westdeutschen Protestantismus zwischen 1945 und 1989 und damit auch die kirchlichen Protagonisten dieser Zeit erst allmählich erschließt. Die Zeitgenossen jedenfalls haben Claß hoch geschätzt: Der Journalist Karl-Alfred Odin beispielsweise hat Helmut Claß 1979 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „Vorbild für den evangelischen Bischof“ bezeichnet und ihm große Verdienst um die Erneuerung des westdeutschen Protestantismus durch die „Rückführung der Gemeinden zu evangelischer Spiritualität“ zugeschrieben (1). Tatsächlich gehört Claß zu einer Gruppe von kirchlichen Leitungsverantwortlichen, zu der auch der Hamburger Bischof Hans-Otto Wölber oder Hannoversche Bischof Eduard Lohse zu zählen sind, die der evangelischen Kirche der Bundesrepublik Wege aus der religiösen Krise der 1960er und 1970er Jahre gewiesen haben.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Dieter, David

Von: Eisler, Jakob

David Dieter wurde am 13. Oktober 1863 als Sohn des Schullehrers Johann Jakob Dieter und der Katharina geb. Hiller in Schopfloch bei Kirchheim unter Teck geboren. Er besuchte zunächst die Grundschule in seinem Heimatort und dann die in Altenstadt bei Geislingen. 1872 kam er in die Lateinschule in Waiblingen, wechselte 1875 in die Lateinschule nach Schorndorf und 1876 nach Göppingen, von wo aus er im Herbst 1877 in das Seminar Maulbronn aufgenommen wurde. 1879 übersiedelte er in das Seminar Blaubeuren.

Im August 1881 bestand er die Aufnahmeprüfung für das Seminar in Tübingen, in welchem er die vier Studienjahre ohne größere Unterbrechung durchlaufen hat. Seine erste Stelle als Vikar übernahm er in Waiblingen im Hebst 1885 bis Mai 1886. Danach war er Vikar und Lehrer auf dem Tempelhof bei Crailsheim von Mai 1886 bis 1890.

Im Jahre 1890 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Palästina, Syrien, Ägypten und Italien. Bei dieser Reise lernte er in Jerusalem die Tätigkeit des Syrischen Waisenhauses kennen. Diese Erziehungseinrichtung trennte sich gerade von ihrem Mutterhaus St. Chrischona und wurde selbstständig. Von Anfang an wurde neben der schulischen Ausbildung großes Gewicht auf handwerkliche Arbeit gelegt, so dass im Laufe der Zeit eine große Zahl verschiedener Werkstätten im Waisenhaus eingerichtet wurde. Somit konnten die Schüler gemäß ihren Neigungen und Begabungen einen Beruf erlernen, der ihnen ein selbstständiges Leben ermöglichte. Es handelt sich dabei um die größte Erziehungsanstalt des Orients. Johann Ludwig Schneller, der erste Leiter und Gründer der Einrichtung, forderte Pf. Dieter auf, in den Vorstand einzutreten, was David Dieter nach seiner Rückkehr nach Stuttgart tat. Dieses Amt begleitete er bis zu seinem Tod. Von Juli 1890 bis 1899 war er zweiter Geistlicher der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. 1892 heiratete er Pauline Emilie geb. Katz, beide hatten 4 Kinder.

Während seiner 9jährigen Tätigkeit bei der Inneren Mission leitete er dreieinhalb Jahre die Stuttgarter Stadtmission. Am 26. November 1899 wurde er zum Stadtpfarrer an der Friedenskirche in Stuttgart ernannt. Diese Stelle konnte er nur weniger als drei Jahre ausfüllen, da er bereits am 23. Februar 1903 an einer Lungenentzündung verstarb.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Dittus, Gottliebin

Von: Ising, Dieter

Gottliebin Dittus (1815-1872)

Gottliebin Dittus verh. Brodersen (1815-1872)

LKAS, D 50 (Blumhardt-Archiv), Bildmappe Gottliebin Dittus

Will man verstehen, was vor über 150 Jahren in Möttlingen, einem Dorf am Rande des Schwarzwaldes oberhalb von Calw, geschehen ist, empfiehlt sich zuallererst ein Blick in die Berichte eines Augenzeugen, der, in die Ereignisse wider seinen Willen hineingezogen, eine maßgebliche Rolle im Verlauf der Krankheit und schließlichen Glaubensheilung der Gottliebin Dittus (1815–1872) gespielt hat. Die Rede ist von Johann Christoph Blumhardt (1805–1880), seit 1838 in Möttlingen auf seiner ersten Pfarrstelle, später Seelsorger in Bad Boll. Man sollte seine Schilderung, die Krankheitsgeschichte der G. D. in Möttlingen, (1) auf sich wirken lassen, bevor man zu den Berichten und Deutungen anderer übergeht. Letztere, verfasst von Theologen, Medizinern, Psychotherapeuten, manchmal auch von Menschen, die sich nicht zu den „Fachleuten“ rechnen und einfach nur – positiv oder negativ – von den Möttlinger Ereignissen berührt sind, bewegen sich in dem weiten Spektrum zwischen unkritischem Nacherzählen und rationalistischer Ablehnung des Blumhardtschen Berichts. Diese Stimmen aus dem 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart können helfen zu ergründen, was es denn nun mit der Krankheit und Heilung der Gottliebin Dittus auf sich hat. Andererseits kann eine Prüfung der Ereignisse anhand der historischen Quellen, die den Erkenntnishorizont offenhält und sich nicht auf Vorentscheidungen festlegen lässt, Aufschluss darüber geben, was es mit den Urteilen des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart auf sich hat.

Lassen wir also Blumhardt erzählen. Im April 1842 erfährt er von seltsamen Vorkommnissen in der Wohnung der besagten Gottliebin. Diese, eine junge Frau von 26 Jahren, lebt mit drei Geschwistern zusammen in einem engen Logis, dem Untergeschoss des heutigen Gottliebin-Dittus-Hauses in Möttlingen, das seit 1988 eine Ausstellung beherbergt.(2) Es herrscht drückende Armut und Traurigkeit; Vater, Mutter und mehrere Geschwister sind kurz zuvor, innerhalb weniger Jahre, gestorben. In den Jahren 1841 und 1842 werden die Bewohner von unerklärlichen Poltergeräuschen erschreckt. Eine durchsichtige Gestalt, nur von Gottliebin wahrgenommen, bittet um im Haus versteckte Papiere, die auch gefunden und als Utensilien zum Ausüben von Zauberei gedeutet werden.(3)

Ohnmachten und Krämpfe, an denen die junge Frau zu leiden hat, können vom behandelnden Arzt nicht gedeutet werden; auch Blumhardt weiß sich angesichts der bewusstlos daliegenden Frau nicht zu helfen. An einem Sonntagabend im Juni 1842 sieht er schweigend ihren heftigen Konvulsionen zu, die den ganzen Körper ergriffen haben; Schaum fließt aus dem Mund. Da überkommt es ihn; er ergreift ihre Hände, legt sie zum Beten zusammen und ruft: „Wir haben lange genug gesehen, was der Teufel tut; nun wollen wir auch sehen, was Jesus vermag.“ Das Erstaunliche geschieht: Die Kranke erwacht, spricht die betenden Worte nach; die Krämpfe hören auf.(4)

Damit sind die Weichen für Blumhardts künftiges Handeln gestellt. Für ihn handelt es sich von nun an um keine natürliche Krankheit, sondern um Angriffe des Satans; Heilmittel kann nur das Gebet sein. Blumhardt fühlt sich als Seelsorger gefordert, nicht als Rezitator exorzistischer Formeln, die Gottliebin Dittus zum Objekt degradieren würden. Er besucht sie häufig, betet mit ihr, fordert sie auch selbst zum Gebet auf und ermutigt sie zu Geduld und Glauben an den, der nach 1 Joh 3,8 gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören.

Die Ereignisse werden immer dramatischer. Der angebliche Geist, nach Gottliebins Aussage mit der früheren Erscheinung identisch, beginnt aus ihr zu reden. Nach Blumhardts Handauflegung und Gebet fährt der Geist aus und bekennt, er finde keine Ruhe; als Strafe für im Leben begangene Sünden sei er vom Satan gebunden. Die Anwesenden, außer Blumhardt noch wenige Vertraute, konstatieren in den nächsten Tagen ein „Ausfahren“ weiterer Geister, indem sie würgende Bewegungen der Kranken auf diese Weise deuten. Nun klagt sie über Brustblutungen, die ihr von Vampiren beigebracht würden; sie hat starke Schmerzen, Brandwunden; es kommt zu Selbstmordversuchen. In all dem begleitet sie Blumhardt als treuer Seelsorger. Allmählich erscheint ihm ihr Krankenlager als Schauplatz einer zentralen Auseinandersetzung zwischen dem Reich der Finsternis und der Macht des auferstandenen Christus. Die Pflicht, hier nicht klein beizugeben, sondern im Vertrauen auf göttliche Hilfe auszuharren, wird ihm von Woche zu Woche deutlicher.(5)

Blumhardts und Gottliebins Glaube wird auf eine harte Probe gestellt. Wenn es scheint, als hätte die Geschichte ihr Ende erreicht, kommt es wieder zu Rückfällen, auch zu völlig neuen Erscheinungen. Am 8. Februar 1843 sieht die junge Frau im Geiste ein schreckliches Erdbeben in Westindien, was kurz darauf durch Zeitungsberichte bestätigt wird.(6) Einen Monat darauf erbricht sie ein Messer, Nadeln und ein 3 Zoll breites Stück Eisen, alles nach Blumhardts Überzeugung in sie „hineingezaubert“. Aus ihrem Kiefer, der Herzgrube und aus dem Oberleib treten Nägel, Scherben, Knochen, Eisen, Fensterblei, verbogene Drahtstücke und anderes hervor. Wie immer sind auch hier Augenzeugen anwesend. Blumhardts Frau hilft beim Herausziehen der Gegenstände, die von Blumhardt anfangs aufbewahrt und später vernichtet werden.(7)

 

Dittus-Haus, Möttlingen

Fotograf: Werner Mast, Möttlingen

An Weihnachten 1843 treiben die Ereignisse ihrem Höhepunkt entgegen. Diesmal ist nicht Gottliebin Dittus betroffen, sondern die „Besessenheit“ überträgt sich auf ihren Bruder Hansjörg und die Schwester Katharina. Aus dieser lässt sich nach Blumhardts Schilderung ein „Dämon“ vernehmen, „der sich diesmal nicht als einen abgeschiedenen Menschengeist, sondern als einen vornehmen Satansengel ausgab, als das oberste Haupt aller Zauberei, dem vom Satan die Macht dazu erteilt worden sei und durch den dieses Höllenwerk nach den verschiedensten Seiten hin zur Förderung des satanischen Reichs sich verzweigt hätte, mit dem aber nun, da er in den Abgrund fahren müsse, der Zauberei der Todesstoß gegeben werde, an dem sie allmählich verbluten müsse.“ Aus Katharina dröhnt ein Schrei der Verzweiflung; dann brüllt es aus ihr heraus: „Jesus ist Sieger! Jesus ist Sieger!“ – ein Ruf, der im Dorf weithin vernommen wird. Ist es bisher gelungen, die Geschichte weitgehend vertraulich zu behandeln, tritt nun ihr siegreicher Abschluss an die Öffentlichkeit. Der Dämon verschwindet und kommt nicht wieder. „Das war der Zeitpunkt, da der zweijährige Kampf zu Ende ging.“(8)

Für Blumhardt steht die Realität der erscheinenden Geistergestalt und der Geisterstimmen nie in Frage. Selbstverständlich folgt er Gottliebins Hinweis, hier träten verstorbene, vom Teufel gebundene Personen auf. Wenn sich etwas aus ihr gegen Blumhardt richtet, sie mit drohenden Gebärden auf den betenden Seelsorger losfährt, mit fremder Stimme spricht, wenn würgende Bewegungen auftreten, konstatiert er, nicht sie selber sei die handelnde Person. Auch die aus ihr hervortretenden Gegenstände sind, so Blumhardt, in diese hineingezaubert worden. Hier wirkt sich seine Vorprägung aus, das Aufwachsen im biblischen Realismus der Stuttgarter Gemeinschaftsbewegung, die enge Verbindung mit Gottlieb Wilhelm Hoffmann, dem Gründer von Korntal, die Tübinger Vorlesungen bei Adam Karl August Eschenmayer, die Bekanntschaft mit Justinus Kerner, eine von Blumhardt miterlebte Geisteraustreibung in Basel. Überall wird an der Existenz einer Geisterwelt(9) festgehalten; man widersetzt sich der Bestreitung durch die Aufklärungstheologie.

Wie können wir heute das Geschehen um Gottliebin Dittus verstehen? Wohl nicht als Bestätigung der spiritistischen Hypothese, die Geister Verstorbener könnten herbeigerufen und befragt werden. Dagegen kann die These von Medizinern und Psychotherapeuten, das, was sich zwischen Blumhardt und Gottliebin abgespielt habe, sei in den Kategorien heutiger Psychotherapie zu verstehen, einiges Rätselhafte plausibel machen. Hier ist man sich weitgehend einig, dass Geisterstimmen und entsprechende Bewegungen von Gottliebin selbst produziert wurden, allerdings in einem tranceähnlichen Zustand. Es handle sich um eine hysterische Symptomatik, begründet im unbewussten Streben nach Zuwendung und Beachtetwerden. Blumhardt sei bereitwillig auf dieses Schauspiel eingegangen, ohne dessen wahre Bedeutung zu erkennen; dies habe die Symptome zeitweise verstärkt. Allerdings wird ihm bescheinigt, durch unerschütterliches Ausharren bei seiner „Patientin“ und das Aufzeigen einer befreienden Perspektive sich – wenn auch in den Vorstellungen seiner Zeit verhaftet – als Vorläufer der Psychotherapie erwiesen zu haben.

Nachdenkliche Vertreter dieser Auffassung machen zugleich auf deren Grenzen aufmerksam. So gibt der Psychiater Walter Schulte(10) zu bedenken, dass sich ein Teil der Erscheinungen auf diese Weise nicht erklären lässt. Die aus der Haut der Kranken hervortretenden Gegenstände können nicht von ihr selbst hineinpraktiziert worden sein, um damit Aufmerksamkeit zu erregen; hier geht die Interpretation als Hysterie ins Leere. Blumhardt betont, dass beim Austreten keine Wunde entstanden und auch zuvor keine Wunde sichtbar gewesen sei. Am Wahrheitsgehalt des Berichteten mag man zweifeln, jedoch vermittelt die Lektüre der Schriften und Briefe Blumhardts den Eindruck eines Menschen, der die Wahrheit sagen will. So kommt auch Schulte zu dem Schluss, man sei hier an der Grenze der medizinischen Deutbarkeit angelangt. Wolle man das Geschehen mit Hilfe von Massensuggestion, Selbsttäuschung, Schwindel und Zauberkunststücken vollständig erklären, würde man „einen bitteren Geschmack auf der Zunge nicht los“. So führen neue Erkenntnisse nur teilweise zur Erhellung der Möttlinger Ereignisse. Gegenüber unseren Verstehensmöglichkeiten erweist sich das Geschehen als überschüssig.

Was haben uns Krankheit und Heilung der Gottliebin Dittus heute noch zu sagen? Ein skurriler Nachhall mittelalterlicher Teufelsaustreibung, durch neue Erkenntnisse weitgehend entzaubert und für uns nicht mehr von Belang? Man betrachte die leidende Gottliebin, die, von Krämpfen geschüttelt, von Blutverlusten geschwächt und von Selbstmordgedanken bedroht auf ihrem Lager liegt. Hilfe erfährt sie nicht durch Aufklärung über seelische Hintergründe ihres Leidens, sondern durch einen Seelsorger, der sie und sich selbst vor das Angesicht Gottes stellt. Damit wird – jenseits von Dämonengläubigkeit, aber auch jenseits einer rein verstandesmäßigen Deutung – die Aktualität dieses Krankenlagers deutlich. Die kranke Frau erfährt die Treue Blumhardts, sein Ausharren bei ihr und sein Anhalten im Gebet. Darüber hinaus erfahren beide die Treue Gottes, der ihren Gebeten antwortet. Es verschwinden ja nicht nur einige psychopathologische Erscheinungen wie das Hervorbringen der angeblichen Geisterstimmen – das hätte eine übliche Psychotherapie auch bewirkt. Gottliebin wird heil im ganzheitlichen Sinne: körperlich (auch wenn später wieder ernste Erkrankungen auftreten), seelisch und geistlich. Sie wird in der Tiefe ihres Seins angerührt und verwandelt in einer Weise, die auf andere ausstrahlt. Sie ist jetzt nicht mehr das arme Ding, das ihr Bedürfnis nach Zuneigung und vielleicht auch gesellschaftlicher Geltung hinausschreit; sie hat nun einen tragenden Grund, der, wenn auch an Blumhardts Nähe gekoppelt, doch über ihn weit hinausgeht. Dass Blumhardt sie später, wie unten zu zeigen sein wird, als Mitarbeiterin in sein Haus aufnimmt, darin hat man bisweilen den eigentlichen Grund ihrer Heilung gesehen. Die neue Rolle mag das Geborgenheits- und Geltungsbedürfnis der intelligenten, aber armen Frau zufriedengestellt und zur Genesung beigetragen haben. Dass ihr Neuwerden jedoch darin nicht aufgeht, sondern tiefer gegründet ist, wird beim Betrachten des weiteren Lebensweges sichtbar.

Zuvor noch ein Blick auf Blumhardt. Auch er ist im Lauf der Ereignisse verwandelt worden. Hat er sich bislang trotz allen Engagements für die Gemeinde im Alltagsgeschäft aufgerieben, so macht ihn nun die Erfahrung, mit dem Bösen gleichsam „handgemein“ geworden zu sein, das letztlich doch dem heilmachenden Gott weichen musste, zu einem Zeugen der göttlichen Macht. Sein Wort wird jetzt gehört, anders als vorher. Erst kommen einzelne Gemeindeglieder zu ihm, legen auf eigenen Wunsch die Beichte ab und erbitten die förmliche Absolution. Dann wird er in seinem Amtszimmer gleichsam überlaufen von Beichtwilligen, die mitunter bitterlich weinen, was auch „die härtesten Männer nicht unterlassen können“.(11) Dennoch macht die Erweckung, die in kurzer Zeit die ganze Gemeinde ergreift, keinen überspannten Eindruck, eher den eines großen Aufatmens. Die Menschen kommen aus bisherigen Verbohrtheiten und Sackgassen heraus, können sich in rückhaltlosem Vertrauen Gott an den Hals werfen und neu anfangen zu leben. Blumhardt kann dieser Gemeinde ein würdiger Seelsorger sein, die Menschen auf ihren ersten Schritten in ein neues Leben begleiten, die Bewegung in nüchternen Bahnen halten, den Möttlingern und den immer zahlreicher werdenden Auswärtigen eindrücklich predigen. Überrascht stellt er nach einiger Zeit fest, dass seine Berührung manchmal zur Heilung seelischer und körperlicher Krankheiten führt. Am Krankenbett der Gottliebin Dittus hat er nicht nur etwas gelernt, was ihn menschlich und beruflich weiterbringt; etwas Objektives hat sich ihm mitgeteilt, das auf andere ausstrahlt.

In der Stuttgarter Gemeinschaftsbewegung, in Korntal und Basel ist Blumhardt die Naherwartung des ersten Tausendjährigen Reiches und der Wiederkunft Christi begegnet; zuvor rechnet man mit Bedrängnissen durch den Antichristen. Diese nach vorn gerichtete, ängstliche und letztlich doch freudige Erwartung gründet sich auf Johann Albrecht Bengels Auslegung der Offenbarung Johannis. Blumhardt sieht auch die Möttlinger Ereignisse in diesem Horizont. Den Kampf mit dem Bösen, Gottliebins Heilung, die Erweckung der Gemeinde und die Heilungen versteht er, so beeindruckend sie sind, nur als Vorspiel einer bald eintretenden weltweiten Ausgießung des Heiligen Geistes. Gott, der will, dass alle Menschen und nicht nur ein paar „Fromme“ gerettet werden, wird auf der ganzen Welt eine Bußbewegung – ein, wie Blumhardt sagt, „Rennen und Jagen zum Reiche Gottes“ – erwecken als Vorbereitung auf die Wiederkunft Christi, die ein Friedensreich einleiten, aber auch ein Gericht sein wird. Christen haben nicht mit den Händen im Schoß diese Entwicklung zu verfolgen, sondern für das Kommen von Gottes Reich zu beten und sich und andere darauf vorzubereiten. Hierin sieht Blumhardt von jetzt an seine Hauptaufgabe. Die Heilung der Gottliebin Dittus und erst recht die Erweckung haben ihn zum Theologen der Hoffnung gemacht.

Auf diesem Weg begleitet ihn neben anderen auch Gottliebin, nicht als Mitläuferin, sondern als Mitbeterin und gern gehörte Beraterin. 1844 überträgt ihr Blumhardt die Leitung der neugegründeten Möttlinger Kleinkinderschule, da er keine geeignetere Person als sie weiß. Bei all dem bleibt sie ein Mensch von zerbrechlicher Gesundheit. So kommt sie, wie Blumhardt dem befreundeten Christian Gottlob Barth am 9. August 1845 mitteilt, durch „eine Art Wassersucht“ und Erbrechen von geronnenem Blut in Lebensgefahr. Bereits vom Tod gezeichnet liegt sie da und hat alle Hoffnung aufgegeben, als Blumhardt für sie noch einmal betet. Diesmal treten weder Spuk noch Geisterstimmen auf; in weniger als fünf Minuten kommt es zu einer deutlichen Besserung. Eine Veränderung ist mit Gottliebin Dittus vorgegangen. Das gewachsene Vertrauen auf Gottes Hilfe ist es, das ihr Seelsorger jetzt nur in Erinnerung rufen muss.

1846 nimmt Blumhardt sie ganz in sein Haus und seine Familie auf. Sie wird, wie er in der Nachschrift zur Krankheitsgeschichte feststellt, „die treueste und verständigste Stütze meiner Frau in der Haushaltung und Kindererziehung“. Gottliebin erwirbt sich darüber hinaus das Vertrauen Kranker, die das Möttlinger Pfarrhaus aufsuchen; vor allem Geisteskranke haben „das ungemessenste Zutrauen“ zu ihr. Sie nimmt kein Geld für ihre Tätigkeit, ist also nicht Dienstperson im Hause, sondern „an Kindes Statt angenommen“; dies gilt auch für ihre Schwester Katharina und den Bruder Hansjörg.

Bevor Blumhardt sich 1852 zum Erwerb des Kurhauses Bad Boll entschließt, eines ausgedehnten Gebäudes mit 129 Zimmern, schickt er seine Frau Doris und Gottliebin dorthin. Ihm ist das Urteil der beiden Frauen wichtig; schließlich sollen sie später die Bad Boller Hauswirtschaft leiten und die erwarteten zahlreichen Gäste versorgen. Diese „musterten alles von der Bühne bis zum Keller, und der Mut kam ihnen mehr und mehr, namentlich da so viele Mobilien und Betten vorhanden waren, daß man sogleich mit Aufnahme von Gästen beginnen konnte.“ Zu guter Letzt „gaben sie sich die Hand und sagten wie aus Einem Munde: ,Gelt, das lassen wir nicht hinaus!’ Mit dem festesten Eindruck, das Haus sei für den gedachten Zweck geeignet und die Last der Verwaltung sei für sie beide zu wagen, kamen sie nach Möttlingen zurück.“(12) Besser kann das Ansehen, das Gottliebin Dittus in Blumhardts Familie genießt, nicht geschildert werden. Gemeinsam mit seiner Frau ist sie an Entscheidungen, die den Fortgang der Reichsgottesarbeit betreffen, maßgeblich beteiligt. Blumhardts Briefe und die Berichte anderer enthalten keine Andeutungen über eine Rivalität der beiden Frauen. Blumhardts Ehe mit Doris erweckt durchgängig den Eindruck einer glücklichen Verbindung. Doris Blumhardt und Gottliebin Dittus haben ihre gemeinsame Arbeit mit der gleichen Zielrichtung getan, in der Erwartung des bald in eine neue Phase tretenden Reiches Gottes. Dafür wird gebetet und bis zur Erschöpfung gearbeitet.

Friedrich Zündel, der Gottliebin persönlich kennengelernt hat, schildert sie als eine Persönlichkeit, die von ihrer ärmlichen Jugend her „etwas Grobkörniges“ behalten habe. Sie sei nichts weniger gewesen als liebenswürdig oder anmutig; ihre Lebenserfahrungen hätten sie vielmehr dazu befähigt, den geistlichen Zustand der Besucher präzise wahrzunehmen und gegebenenfalls deutliche Worte zu sagen. „Darum waren für sie Rang, Stand und dergleichen so gut wie nicht vorhanden, und darum war auch ihr Scharfblick lästig.“ Wer jedoch hinter ihr rauhes Wesen habe schauen können, habe einen „heißen, heiligen Ernst der Liebe und Fürbitte“ wahrgenommen und die Entschlossenheit, dem kommenden Gottesreich den Weg zu bereiten.(13)

Im Jahr 1855 heiratet Gottliebin Dittus den aus Nordfriesland stammenden und in Bad Boll von Gehbeschwerden geheilten Theodor Brodersen; aus der Ehe gehen drei Söhne hervor. Seit Dezember 1862 wird sie wegen eines Magenleidens, dem weitere Krankheiten folgen, längere Zeit in einem Stuttgarter Krankenhaus behandelt. Bis zu ihrer vorläufigen Entlassung im Juli 1863 schreibt Blumhardt ihr häufig, manchmal täglich. Er tröstet sie auf ihrem schmerzhaften Krankenlager, berichtet vom täglichen Gebet der Bad Boller für Gottliebin, erzählt von neu angekommenen Gästen und hält auch mit eigenen Sorgen und Zweifeln nicht hinter dem Berg. Ob „unsre Sache in ihrem richtigen Gang ist“, ob die Arbeit in Bad Boll auch wirklich Gottes Reich fördere und nicht vielmehr aufhalte, dieser Gedanke wird ihm manchmal zur Qual. Und wird er selbst vor der Zeit sterben müssen, wenn „so viel im Rückstand“ ist? Hinzu kommt die Sorge um seine Kinder, denen noch manches fehlt, einmal Nachfolger ihres Vaters sein zu können. Der Seelsorger, der sich in Bad Boll und auf Reisen ungezählter Hilfesuchender annimmt, erhält dann seinerseits von Gottliebin ein tröstendes und Mut machendes Gedicht.(14)

In der Folgezeit wird sie nicht mehr gesund. In mühevollem Auf und Ab schleppt sie sich dahin und stirbt am 26. Januar 1872 an Magenkrebs. Blumhardt ist an diesem Tag auf Reisen. Seine Frau und sein Sohn Christoph erleben, wie nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Hoffnung auf das Reich Gottes Gottliebins letzte Stunden bestimmt. Für Christoph, bisher voller Zweifel, ob er als Nachfolger seines Vaters geeignet sei, ist dies eine Erfahrung, die ihn lebenslang fest mit der gemeinsamen Sache verbindet.(15)

Gottliebin Dittus hat einen Weg genommen, der das Geschenk der Heilung aus Glauben konsequent festhält. Hinter die Feststellung von Hans Jörg Weitbrecht, ihre spätere Entwicklung sei nur ein „schönes Beispiel für den ,Fassadenwechsel’ geltungsbedürftiger Psychopathen“(16), darf ein Fragezeichen gemacht werden. Wie schon erwähnt, hat ihre Heilung eine tiefgehende Veränderung zur Folge. Nicht ihre „Fassade“ hat einen neuen Anstrich bekommen, sondern das ganze Haus, wenn es denn von Geltungssucht beherrscht wurde, ist eingerissen und neu gebaut worden.

Glaubensheilungen sind nicht auf Frauen beschränkt. Theodor Brodersen und viele andere Männer haben ebenfalls ein geistliches Neuwerden und dann auch Befreiung von Krankheit erfahren, etwa der Epileptiker, der im Bad Boller Sprechzimmer unter Blumhardts Gebet von der, wie er es schildert, „Majestät des gegenwärtigen Gottes“ überwältigt wird. Er kann nicht anders, als sich vor diesem Gott auf die Knie zu werfen – als er aufsteht, ist er gesund. Einen Rückfall in die Krankheit hat es offensichtlich auch Jahre nach diesem Erlebnis nicht gegeben.(17) Ferner sind Erscheinungen von „Besessenheit“, hysterische Ausbrüche und Visionen auch bei Männern bezeugt. So berichtet der Vater eines stummen Kindes, der Blumhardt 1846 in Möttlingen aufgesucht hat, er sei auf dem Rückweg „wahnsinnig“ geworden, habe den Heiland und den Teufel gesehen und erst durch acht Männer gebunden werden können.(18)

Was ist das Besondere am geistlichen Neuwerden und Heilwerden der Gottliebin Dittus? Zwischen ihr und Blumhardt wird mit der Zeit die Einbahnstraße der Seelsorge aufgehoben; an ihre Stelle tritt gegenseitiger Zuspruch und gemeinsames Gebet. Keiner hat den andern geistlich überwältigt; vielmehr werden beide durch das Eingreifen eines Dritten überwältigt. Mit dieser Erfahrung ausgerüstet, machen sie sich auf, Gott den Weg zu bahnen.

Erstmals veröffentlicht in: Weib und Seele. Frömmigkeit und Spiritualität evangelischer Frauen in Württemberg. Katalog zur Ausstellung im Landeskirchlichen Museum Ludwigsburg vom 16. Mai bis 8. November 1998, S. 97–102.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Duncker, Max

Von: Butz, Andreas

Max Duncker (1862-1941)

Familienverhältnisse

V Carl D., Kaufmann (30.7.1813-3.2.1872). M Wilhelmine, geb. Betz (9.1.1822-22.7.1901). G 2.  ∞ 1) 1888 Klara, geb. Roller (1865-1905) Tochter des Jakob Roller, Kanzleirat in Tübingen; 2) 1907 Martha, geb. Blum (1880-1918), Tochter des Eugen Otto Bernhard von Blum, Prälat. K Max (1909 - 1998), Dekan; Ludwig (1911 - 2002), Pfarrer; Christoph (1914 - 1998), Dekan

Biographische Würdigung

D. wurde am 7. Juli 1862 in Geislingen als Sohn des Stadtrates und Eisen-, Spezerei- und Farbwarenhändlers Carl D. geboren, und wuchs daselbst mit zwei Schwestern und einer elternlosen Cousine auf. Der Vater starb als der Junge erst neun Jahre alt war. Er besuchte die Schulen seiner Heimatstadt, kurze Zeit auch das Lyzeum in Nürtingen, um dann im Herbst 1876 als Seminarist in das niedere evangelisch-theologische Seminar einzutreten, erst in Schöntal, und dann ab 1878 in Urach. Im Herbst 1880 bezog er die Universität Tübingen, zunächst um seiner militärischen Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger zu genügen, und dann, um dort als Angehöriger des höheren evangelisch-theologischen Seminars Theologie zu studieren. Nach der ersten theologischen Dienstprüfung fand er im unständigen Kirchendienst Verwendung, in Großsüßen, Plieningen, Maulbronn und Wangen im Allgäu. Im Sommer 1887 machte er, durch ein Staatsstipendium unterstützt, eine Studienreise nach Mittel- und Norddeutschland und Skandinavien. Im Frühjahr 1888 wurde er nach abgelegter zweiter Dienstprüfung zum Pfarrer in Klingenberg am Neckar ernannt.

In seine Zeit in Klingenberg fiel auch der Anfang seiner historischen Forschungstätigkeit. Der überschaubare Arbeitsanfall in dieser kleinen Landgemeinde erlaubte es dem Pfarrer ohne Vernachlässigung seines Amtes und ausgehend von der Lokalgeschichte seinen wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen. Den Heilbronner Archivar Rektor Dr. Dürr unterstützte er dann in dieser Zeit bei der Bearbeitung der Oberamtsbeschreibung mit reformationsgeschichtlichen Studien.

Seine Beförderung auf das Pfarramt Belsen im Sommer 1898 versetzte ihn in die Nähe Tübingens. Seine historischen Kenntnisse erweiterte und vertiefte er hier vor allem durch den Besuch von Vorlesungen der Professoren Walter Goetz und Heinrich Günter. Ab 1899 konnte er durch Ausgrabungen im Innenraum der dortigen Kapelle, welche er dort mit dem Landeskonservator durchführte, sowie auch durch eingehende weitere Untersuchungen, die Erkenntnisse über dieses rätselhafte Bauwerk vermehren. D. hat über diese interessante Kapelle mehrfach publiziert und referiert. Deshalb wurde später der Weg hinauf zum Belsener Kirchlein nach D. benannt.

Für den zweiten Band der Oberamtsbeschreibung Heilbronn beschrieb er den Ort Talheim an der Schozach, dessen Geschichte zu erforschen angesichts der verschiedenen dort ansässigen Geschlechter und Lehensträger keine einfache Aufgabe war, und wozu er zunächst das dortige Schlossarchiv ordnen musste.

Im Auftrag der Kommission für Landesgeschichte, der er als Mitglied angehörte, nahm er die Pfarr- und Gemeinderegistraturen der evangelischen Orte der Oberämter Brackenheim, Besigheim, Cannstatt, Maulbronn, Rottenburg und Tübingen für die Württembergischen Archivinventare auf. Auch durch diese Tätigkeit wurde er an neuen geschichtlichen Stoff herangeführt. Seine Forschungen ergaben zahlreiche Veröffentlichungen in den Tübinger Blättern und den Reutlinger Geschichtsblättern, dem Mitteilungsblatt des Sülchgauer Altertumsvereins, dessen Leitung er übernahm. Im Auftrag der Kommission für Landesgeschichte bearbeitete er das Verzeichnis der württembergischen Kirchenbücher, welches 1912 erstmals erschien, und im Jahre 1938, da inzwischen vergriffen, völlig neu bearbeitet eine Neuauflage erfuhr, bei der auch eine weitere, verwandte Quelle, die Kirchenkonventsprotokolle berücksichtigt werden konnten. In einer ausführlichen Einleitung beschreibt er in diesem Verzeichnis die Einführung der Kirchenbücher in den einzelnen Territorien. Die Pfarrer beider Konfessionen mussten ihm auf Anweisung ihrer Behörden, also des Ev. Konsistoriums beziehungsweise des  Bischöflichen Ordinariates, die notwendigen Unterlagen einreichen.

Seine im Herbst 1912 erfolgte Ernennung zum Stadtpfarrer in Neckarsulm ermöglichte ihm, die früher begonnenen Studien über Heilbronn zu einer Dissertation bei Prof. Walter Götz auszuweiten. Während des ersten Weltkrieges und in den Jahren danach fand D. neben seinen Aufgaben als Neckarsulmer Pfarrer, und zum zweiten Mal zum Witwer geworden, wenig Gelegenheit für neuere Forschungen. Seine dortige Arbeit war weitaus verzweigt, auch durch die Versorgung der Gemeinde in Gundelsheim. In der Kriegszeit kam dazu noch der Dienst als Lazarettpfarrer auf Schloss Hornegg dazu. In seinem Ruhestand ab 1933, den er in Tübingen verbrachte, konnte er sich wieder vermehrt der historischen Forschung widmen ,vor allem in den Beständen des dortigen Städtischen Archivs,  besonders den Spitalakten, und publizierte Jahr um Jahr in den Tübinger Blättern größere Arbeiten, so etwa über die Geschichte der Pfarrei Derendingen bis 1800, über die Salzburger Emigranten in Tübingen im Jahr 1732, über das Tübinger Spital im Mittelalter.

Darüber hinaus entfaltete er eine fruchtbare Tätigkeit als Pfleger des Landesamts für Denkmalpflege, als staatlicher und kirchlicher Archivpfleger des Bezirks, als reges Mitglied in historischen Vereinen, vor allem in dem Sülchgauer Altertumsverein, dessen Versammlungen er durch seine Vorträge und sein Wissen bereicherte.

Unermüdlich widmete er sich vielfältigen kirchen- und landesgeschichtlichen Forschungen, in denen er stets Neues aus den Urkunden oder Akten herausholte und zu einem anschaulichen Kulturbild verarbeitete. Noch einige Tage vor seinem Tod übergab er dem Herausgeber der Tübinger Blätter, Peter Goessler, ein Manuskript über Beziehungen des Spitals zum Schönbuch und seinen Waldgerechtigkeiten, und selbst am Tag vor seinem Tod am 15. Juni 1941 ging er in der dortigen Universitätsbibliothek historischen Forschungen nach.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Flattich, Johann Friedrich

Von: Ehmer, Hermann

Johann Friedrich Flattich (1713-1797)

Johann Friedrich Flattich

gemeinfrei (Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart)

Er gründete ein Internat im Pfarrhaus, war ein gesuchter Prediger und setzte sich dafür ein, dass Menschen lernten, gut zu wirtschaften. "Wenn man wenig braucht, muss man wenig erwerben und sich um so weniger Sorgen machen", war einer seiner Leitsprüche.

Viele kennen das Büchlein "Zwischen Kanzel und Acker" von Georg Schwarz. Es ist ein 1940 erstmals erschienener und seither immer wieder aufgelegter Roman, keine Lebensbeschreibung des württembergischen Pfarrers Johann Friedrich Flattich. Dieser wurde 1713 in Beihingen am Neckar als Sohn eines Schulmeisters geboren. Der Vater starb früh, weshalb die Mutter froh war, dass ihr Sohn die kostenlose Ausbildung zum württembergischen Theologen machen konnte. Nach dem Examen war der junge Flattich zunächst Vikar in Hoheneck bei Ludwigsburg, 1742 wurde er Garnisonsprediger auf dem Hohenasperg, worauf er sich umgehend mit Christiana Margareta Groß, einer Pfarrerstochter, verheiratete. Das Ehepaar hatte im Laufe der Jahre 14 Kinder, wovon jedoch nur sechs das Erwachsenenalter erreichten. Die beiden Söhne wurden Pfarrer. Eine der vier Töchter, Beata, wurde die zweite Ehefrau des Mechanikerpfarrers Philipp Matthäus Hahn.


Pfarrer und Erzieher

Schon auf dem Asperg begann Flattich damit, junge Leute in Kost und Wohnung zu nehmen, die er unterrichtete und erzog. Flattich verstand es, die Schüler zum selbständigen Lernen zu bringen, indem er ihnen den Stoff in überschaubaren Portionen darbot. Durch diese individuelle Methode entlastete er sich selbst und hatte damit so viel Erfolg, daß ihm stets Schüler zugeschickt wurden. 1747 wurde er nach Metterzimmern versetzt, 1760 nach Münchingen. Für das dortige Pfarrhaus ließ er auf eigene Kosten einen Anbau errichten, der einen Arbeitsraum und Schlafräume für die Schüler bot. Dieses Internat im Pfarrhaus bedeutete eine große Arbeitslast für die Pfarrfrau. Als sie 50jährig starb, hat ihr Flattich einen bewegenden Nachruf gewidmet.

Prediger, Seelsorger und Ratgeber

Neben seiner "Information", wie er seinen Unterricht nannte, versah Flattich sein Pfarramt. Von 1777 bis zu seinem Tod wurde er darin nacheinander von seinen beiden Söhnen, die Vikare bei ihm waren unterstützt. Flattich war ein gesuchter Prediger, viele Leute kamen von auswärts, um ihn zu hören und sich von ihm seelsorgerlich beraten zu lassen. Leider ist keine seiner Predigten erhalten, doch haben wir eine Anzahl seiner Briefe.

Vor allem lag ihm das "Hausen" am Herzen, das richtige Wirtschaften und Haushalten. Sparsamkeit war in der Mangelgesellschaft des 18. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit zum Überleben. Wenn man wenig braucht, so Flattich, muß man wenig erwerben und sich um so weniger Sorgen machen. Seine eigene Lebenshaltung war äußerst bescheiden, er hat dann aber auch ein ansehnliches Vermögen hinterlassen.

Bis zum heutigen Tag werden Flattich-Anekdoten erzählt, die vielleicht den Geist Flattichs atmen, aber ansonsten meist erfunden sind. Einer seiner Söhne hat jedoch 1825 Regeln der Lebensklugheit im Volkston herausgegeben. Es ist dies eine Blütenlese aus Flattichs Briefen über das Thema des Hausens. Dieses Büchlein über das richtige Haushalten wurde im 19. Jahrhundert in zahlreichen Auflagen gedruckt und ist somit Flattichs Vermächtnis an die Nachwelt.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Gauger, Joseph

Von: Lächele, Rainer

Inhaltsverzeichnis
  1. Joseph Gauger (1866-1939)
  2. 1: Familienverhältnisse
  3. 2: Biographische Würdigung
  4. Anhang

Joseph Gauger (1866-1939)

1: Familienverhältnisse

V Johann Martin Gauger (5.2.1816-3.9.1873), Lehrer am Erziehungsheim Paulinenpflege

M Pauline Christine geb. Schmid (+ 1897)

G 10, u.a. die Schwestern Luise, Heinrike und Maria (Ehefrau des Direktors Heinrich Ziegler, Wilhelmsdorf), Bruder Samuel Gauger (13.11.1859-29.5.1941), Dekan in Ludwigsburg

∞ 1898 Emeline Gesenberg

2: Biographische Würdigung

Joseph Gauger, geboren am 2. April 1866 in Winnenden, entstammte dem württembergischen Pietismus. Geprägt durch den Vater fand er selbst schon früh Anschluss an pietistische Gruppen wie der Hahnschen Gemeinschaft. Die zeitlebens enge Verbindung Gaugers zur Inneren Mission begann mit seiner Tätigkeit als Lehrer an der bekannten „Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen“ in Großheppach. Sein pädagogisches Talent war schon hier deutlich zu spüren. 1889-1893 studierte er zunächst die Rechte, dann die evangelische Theologie in Tübingen. 1898 wurde er sTadtpfarrverweser in Giengen an der Brenz. Noch im selben Jahr verließ er die Württembergische Landeskirche, um in die Dienste der „Evangelischen Gesellschaft“ in Elberfeld zu treten. Damit ging er gewissermaßen vom württembergischen zum niederrheinischen Pietismus über. Die „Evangelische Gesellschaft“, die sich seit 1848 der Mission in Deutschland widmete, hatte als Ziel die Sammlung der „Kerngemeinde“ entschiedener Christen unabhängig von der verfassten Kirche, wenn auch in die Kirche wirkend. Hier war Gauger für die Verlagsarbeit und die so genannte Schriftenmission zuständig. Die bedeutete ein starkes Engagement für die Erbauungszeitschriften der „Evangelischen Gesellschaft“ wie „Licht und Kraft“ und die „Mitteilungen“, doch vor allem für das Blatt „Licht und Leben“, das den Horizont der Gemeinschaftsleute erweiterte und ihn in ganz Deutschland bekannt machte. Darüber hinaus fand seit 1923 Gaugers Monatsblatt „Gotthardbriefe“ mehrere tausend Leserinnen und Leser. In ihnen wurden die brennenden politischen Fragen der Zeit von einem christlich-konservativen Standpunkt aus betrachtet. Der musikalisch begabte Gauger trat darüber hinaus mit christlichen Liedsammlungen hervor, wie etwa dem „Evangelischen Psalter“ von 1930. Zentrale Themen in der Publizistik der „Evangelischen Gesellschaft“ waren die charismatischen Bewegungen seiner Zeit, die liberale Theologie insbesondere im Fall des Kölner Pfarrers Karl Jatho und die Bedeutung des Bekenntnisses in der Kirche. Gauger faszinierte seine Zeitgenossen mit Berichten über seine Reisen, die ihn nach Italien und Ägypten, aber auch nach Palästina führten. In diesen bebilderten Bändchen y schwärmte er etwa von Rom, das allerorten Kunst und Geschichte im Überfluss biete, aber auch vom „Morgenland“, das sich ihm in Ägypten darbot. Er bot Blicke auf die ägyptische Moderne mit einer Schilderung des Staudamms von Makwar, aber auch den Pyramiden Tribut zollte.Politisch engagierte sich Gauger in Wuppertal mit der Gründung der „Freien Evangelischen Wahlvereinigung“ im Jahre 1930, die bei der Kommunalwahl in Wuppertal 13.000 Stimmen auf sich vereinigte und als Fraktion in das Stadtparlament einziehen konnte. Schon 1932 warnte Gauger vor dem Nationalsozialismus, weil er „durch seinen Rassebegriff seine Religion und seine Weltanschauung bestimmen lasse“. Die eindeutige Stellungnahme Gaugers für die Bekennende Kirche nach 1933 führte zu schweren Konflikten mit dem nationalsozialistischen Regime. Seine offene Rede in „Licht und Leben“ brachte ihm Haussuchungen, Verhaftungen und weitere Schikanen ein. Er wurde aus dr Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen. 1938 wurde „Licht und Leben“ verboten. Am 1. Februar 1939 starb Gauger in Elberfeld.

Erstabdruck in: Württembergergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band I. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2006. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Gmelin, Julius

Von: Butz, Andreas

Inhaltsverzeichnis
  1. Julius Gmelin (1859-1919)
  2. 1: Familienverhältnisse
  3. 2: Biographische Würdigung
  4. Anhang

Julius Gmelin (1859-1919)

1: Familienverhältnisse

V Friedrich August G. (1821-1894), Kaufmann M Wilhelmine, geb. Windecker (1832-1866). G 7. ∞ 21.9.1884 (Cannstatt) Elise, geb. Kriech (26.7.1858-4.5.1935), Tochter des Georg Kriech, Pfarrer K Wilhelm (1888-1912); Anna (1889-1920); Max (1890-1910); Eugenie (1891-1944); Elise (1891-1971); Adolf (1893-1917); Johanna (1895-1951); Karl (1896-1916); Lina (*1897); Antonie (1899-1953); Thusnelde (1900-1946)

2: Biographische Würdigung

Julius Gmelin (1859-1919)

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bildersammlung, Nr. 3330

In Ludwigsburg am 28. April 1859 geboren, verlor er bereits mit sieben Jahren seine erst 34jährige Mutter. Als Vermächtnis hinterließ sie ihm zur Konfirmation einen Brief, worin sie unter anderem schrieb: „Wenn du den geistlichen Stand erwählst, stehen Dir nochmals besondere Verheißungen zur Seite. Wenn du aber ein träger Hirte bist, nutzest Du weniger als der schlechteste Taglöhner und versperrst nur anderen den Platz …“. Einen großen inneren Halt gab ihm sein Patenonkel Moriz Gmelin, Archivrat in Karlsruhe, aufgrund dessen Anregung er neben der Theologie auch Geschichte studiert hat. Der Vater verzog 1875 nach Frankfurt am Main.

Seine Frau lernte G. als Vikar in Plattenhardt kennen. Sie war die Tochter des dortigen Pfarrers. Nach seiner Versetzung als Diakon in Waldenberg bei Öhringen konnte er mit ihr seinen Hausstand gründen.

Mit seiner Zeit als Pfarrer in Großaltdorf begann eine Zeit von großer geistiger Produktivität. Gmelin war ein kritischer und engagierter Geistlicher, der in seiner frühen Schrift „Evangelische Freiheit“ bereits zahlreiche Anregungen zu geben versuchte, wie sich die Kirche seiner Meinung nach in der damaligen Gegenwart positionieren sollte und wie sie sich weiterentwickeln könne. Er sah sich als Streiter für dogmatische Freiheit und eine durchgreifende Neuordnung der evangelischen Kirche.

Sein Gerechtigkeitssinn schlug sich in seinen Forschungsinteressen nieder, und er ging deshalb gerne einer Anregung durch Professor Bernhard Kugler nach, durch eine sorgfältige Arbeit die Arbeit von Hans Prutz über die Prozesse gegen den Templerorden zu widerlegen.

Während seiner Zeit in Großgartach verfasste er auch seine „Hällische Geschichte“, die erste umfangreiche Lokalgeschichte dieser bedeutenden Reichsstadt, allerdings – entgegen des ursprünglichen Vorhabens - mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Mittelalter und der Reformationszeit. Wie er selber einleitend bekannte, wollte er damit ein wissenschaftlich fundiertes, aber auch für eine breite Leserschaft geeignetes Werk vorlegen.

Während seiner Amtszeit als Pfarrer in Großgartach stellte er seine Kräfte in den Dienst der Errichtung eines neuen Gemeindehauses mit Kindergarten, und setzte sich in besonderem Maße für die Verbesserung des dortigen Kirchengebäude ein, das er bei Amtsantritt in schlechtem Zustand vorfand, und das dann nach Plänen von Prof. Martin Elsässer 1912-1913 im so genannten Stuttgarter Jugendstil grundlegend vergrößert und erneuert werden konnte. Straßen in Großgartach und in Schwäbisch Hall tragen heute seinen Namen. In seiner Freizeit befasste er sich mit Geschichte, Familien- und Völkerkunde, und mit dem Gesangbuchwesen. Seine Losungen waren „Frei und Fromm“ und „Streiten ist nicht gefährlich, aber Schlafen“. In Großgartach gründete er die Zeitung „Warte vom Heuchelberg“, um die geistige Verbindung seiner Gemeindeglieder untereinander und eines Kreises darüber hinaus zu stärken.

Als eifriger Förderer nationalliberaler Einheitsbestrebungen stand er dem Reichstagsabgeordneten Friedrich Naumann nahe, den er übrigens nur um wenige Tage überleben durfte. Häufig in der Neckar-Zeitung deren Redaktion von dem G. politisch nahe stehenden Theodor Heuss geleitet wurde, aber auch in anderen Blättern, richtete er sich in engagierten Artikeln, Erklärungen und Protesten an die Öffentlichkeit, zu Fragen, die aus seiner Sicht die Freiheitlichkeit der Evangelischen Kirche berührten, etwa die Dienstentlassungen der Pfarrer Christoph Schrempf, Friedrich Steudel, Maienfels, und Gottfried Traub, Dortmund. Auch in Bezug zu der seiner Ansicht nach verfehlten Praxis der Veranstaltung von Kirchenbau-Lotterien äußerte er sich kritisch. In politischer Hinsicht war es ihm ein Anliegen, die Öffentlichkeit über – wie er es sah - Mängel bei der Wahlreform aufzuklären. Er sah es als seine Pflicht an, sich kritisch zu äußern, und sich mit seiner Sicht der Dinge nicht unterzuordnen. Damit setzte er sich immer wieder in Gegensatz zu seiner vorgesetzten Behörde, weshalb er mehrfach in disziplinarische Verfahren verwickelt und zu Geldstrafen verurteilt wurde.

Wegen einer 1902 gehaltenen Osterpredigt, in welcher er zum Ausdruck gab, dass er nicht an die leibliche Auferstehung glauben könne, wurde er vom Konsistorium geahndet. Dieser Fall wurde von der nationalen Presse mit Aufmerksamkeit verfolgt.

1911 war er führend an der Gründung der Vereinigung „Freunde evangelischer Freiheit in Württemberg“ beteiligt.

In seiner Schrift „Warum wir nicht siegen durften“ schildert er unter anderem, dass ihm 1917 von der militärischen Zensurbehörde der Abdruck von zwei für das Gemeindeblatt geplanten Aufsätzen, der erste über das Thema „Buße“, der zweite ein Abdruck seiner Predigt zum „Glockenabschied“, verboten wurden. Im weiteren Verlauf, in welchem er auch Informationen über einen als geheim gekennzeichneten, an die Pfarrer gerichteten Erlass an die Presse weitergab, verhängte das Konsistorium gegen ihn zwei Geldstrafen. G. war ein entschiedener Gegner der Zensur. Seine sehr kritische Kenntnisnahme des Völkermordes an den Armeniern brachte ihn in Konflikt mit der Zensurbehörde, und führte auch zur Entfremdung von politischen Freunden. Trotz seiner patriotischen Einstellung war er nicht blind für die Fehlentwicklungen des Ersten Weltkrieges und äußerte sich vor allem kritisch zu den Auswüchsen des Militarismus.

Die Trennung von Staat und Kirche lag ihm besonders am Herzen.

Seinen elf Kindern war er ein liebevoller Vater, und es war ein schwerer Schicksalsschlag, dass er sämtliche vier Söhne früh verlor. Sein Sohn Max, erlag nur wenige Tage nach seiner Auswanderung nach Brasilien in Manaos dem gelben Fieber. Der angehende Tierarzt Wilhelm machte seinem Leben als 20jähriger selber ein Ende. Die beiden weiteren Söhne des pazifistisch eingestellten Pfarrers wurden beide ein Opfer des ersten Weltkrieges, einer davon durch eine in Galizien erhaltene Verwundung, der ältere genau ein Jahr darauf nach einem gefährlichen Einsatz als Fliegeroffizier an der Aisne.

Schon vor Beginn des ersten Weltkrieges war bei ihm ein Herzfehler festgestellt worden, den er nicht genügend beachtete. G. verstarb am 29. August 1919 im Alter von nur 60 Jahren in Großgartach unerwartet an einem nächtlichen Herzschlag.

Erstabdruck in: Württembergische Biographien unter Einbeziehung Hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Maria Magdalena Rückert, W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2011. Wiederverwendung mit freundlicher Genehmigung.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Gundert, Hermann

Von: Quack, Jürgen

Herman Gundert (1814-1893)

Hermann Gundert

Archiv der Basler Mission, QS-30.016.0002

Herman Gundert ist nicht zu übersehen: Über fünf Meter hoch ist sein Denkmal, das seit dem Jahr 2000 an einer Hauptstraße in Thalassery (früher: Tellicherry) im südlichen Indien steht. Hier hat er von 1839 bis 1859 als Missionar und Sprachforscher, Schulinspektor und Übersetzer viel bewirkt. Die Christen in Indien ehren ihn als einen ihrer Kirchengründer. Journalisten halten sein Andenken hoch, weil er die erste indische Tageszeitung in einheimischer Sprache herausgab. Pädagogen denken an ihn, weil er der erste indische Schulinspektor im Bundesstaat Kerala (früher: Malabar) war und die örtliche Malayalam-Sprache erforschte. Er schrieb die erste Grammatik und das erste Wörterbuch dieser Sprache und übersetzte die Bibel in Malayalam. Deshalb wird er auch „Luther Keralas“ genannt.

Gundert wurde am 4. Februar 1814 in Stuttgart geboren, wo sein Vater als erster Sekretär der Württembergischen Bibelgesellschaft tätig war. Nach dem Theologiestudium in Tübingen ging der junge Mann zunächst als Hauslehrer nach England, von wo er mit einem englischen Missionar nach Indien fuhr. Dort schloss er sich der Basler Mission an.

Auf der Schifffahrt nach Indien lernte er die Schweizer Lehrerin Julie Dubois kennengelernt. Die beiden heirateten 1838. Sie war die erste Missionarsfrau der Basler Mission in Indien und sehr aktiv. Sie gründete einige Mädchenschulen in verschiedenen Orten. Das Ehepaar hatte acht Kinder.

Krankheitshalber musste Gundert 1859 nach Deutschland zurückkehren. In Calw wurde er zunächst Mitarbeiter von Christian Gottlob Barth in dessen Calwer Verlag und ab 1862 sein Nachfolger. Er starb 1893.


Hermann Gundert und seine Frau Julie

Archiv der Basler Mission, QL-30.006.0264

Die von ihm in Indien gesammelten Manuskripte und Texte liegen heute im Archiv der Universität Tübingen. Dort lehren seit 2015 auf dem "Gundert Chair" regelmäßig Gastdozenten aus dem Südwesten Indiens die Sprache Malayalam.

Auch in Calw ist seine Spur nicht zu übersehen: Die große Hermann Gundert Schule vereint ein Berufliches Gymnasium, ein Berufskolleg, Berufsschulen und eine Berufsfachschule unter ihrem Dach. Der früher in Indien als Dozent tätige Pfarrer Albrecht Frenz gründete die Hermann-Gundert-Gesellschaft, um sein geistiges Erbe und den wissenschaftlichen Austausch mit Indien zu pflegen.

Weitere Spuren hat sein Enkel Hermann Hesse in verschiedenen Büchern gelegt. In seinen Schriften „Großväterliches“ und „Kindheit des Zauberers“ beschreibt er ihn liebevoll. In „Siddhartha“ lebt er als Fährmann „Vasudeva“ und im „Glasperlenspiel“ als Musikmeister fort.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hahn, Beata

Von: Kittel, Andrea

Beata Regina Hahn (1757-1824)

Eintrag im Taufregister Mettingen für Regina Beata Flattich (später Hahn). Ein Porträt ist nicht überliefert.

Geboren wird sie am 29. November 1757 in Metterzimmern. Im Pfarrhaushalt Flattich wird großer Wert auf religiöse Erziehung und humanistische Bildung gelegt – auch bei den Töchtern.

Im Alter von 18 Jahren heiratet Beata Regina Flattich 1776 den angesehenen Pfarrer Philipp Matthäus Hahn, nachdem dessen erste Frau bei der Geburt eines Kindes gestorben war. Hahn ist Pfarrer in Kornwestheim, Pietist und gleichzeitig einer der einfallsreichsten Erfinder seiner Zeit. Gefördert von Herzog Carl Eugen, konstruiert er Waagen, Uhren und Rechenmaschinen.

Reibungsvolles Eheleben

„Die Beata ist noch ungebildet, jung, heiter, nimmt nichts schwer, steht noch in jugendlicher Unschuld (…) hat Freude an meinen mechanischen Sachen (…).“ So begründet Hahn in seinem Tagebuch, dass seine Wahl nach intensiver Brautschau auf die jüngere von zwei Flattichtöchtern fiel. Doch einfach sollte die Ehe für beide Seiten nicht werden. Ständig gibt es Reibereien um die Haushaltsführung, hauptsächlich aber wegen Beata Reginas mangelndem Gehorsam. In seinem Tagebuch notiert Philipp Matthäus: „Frau war wieder eigensinnig, widersprach mir unablässig und gab mir nicht nach.“ Schließlich beklagt er, dass sie „von Jugend auf mehr zu den Sprachen erzogen worden war“ und eben nicht zur Hausfrau. Sie hingegen wünscht sich von ihrem Ehemann „mehr zärtliche Liebe und Karesie“. Wenn sie mit ihren Einwänden nicht durchdringt, wird sie still, „melancholisch“.

Beata Regina Hahns Familienalltag ist schwer. Da gibt es den großen Haushalt mit Mägden, Gehilfen und vielen Besuchern. Aus Hahns erster Ehe sind vier Kinder zu versorgen. Sie selbst bekommt acht Kinder, von denen fünf früh sterben. Ständig grassieren im Haus Krankheiten – mal sind es „Hitz und Kopfweh“, mal die „Blattern“.

Herausgeberin von Hahns Schriften

Als Philipp Matthäus Hahn 1790 stirbt, sieht sie sich erstmals in der Lage selbständig zu wirken. Gemeinsam mit ihrer noch jugendlichen Tochter Beate bemüht sie sich um die Weiterverbreitung von Hahns geistlicher Lehre indem sie aus seinen nachgelassenen Manuskripten Druckvorlagen erstellt. 1795 gibt sie die „Erbauungsstunden über die Offenbarung des Johannes“ heraus. Für Darstellungen von Hahns Leben entwerfen Mutter und Tochter das Idealbild eines pietistisch-frommen Heiligen. Beata Regina merzt die Ehekonflikte aus den Tagebüchern, tilgt heterodoxe Äußerungen aus Predigtentwürfen und befördert damit ein Hahn-Bild, das das gesamte 19. Jahrhundert über Wirksamkeit behält.

Bei allem Eigensinn bleibt Beata Regina Hahn in der damals für Frauen bestimmten Rolle der „Gehilfin“. Sie selbst tritt mit eigenen Glaubensäußerungen nicht in Erscheinung. Doch legt sie den Grundstein für das Werk ihrer Tochter, die später als Beate Paulus die weibliche Symbolfigur des württembergischen Pietismus wird.

Am 16. April 1824 stirbt Beata Regina Hahn in Münchingen.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hardegg, Georg David

Von: Eisler, Jakob

Georg David Hardegg (1812–1879)

Georg David Hardegg (1812-1879)

Aus: Hans Brugger, Die deutschen Siedlungen in Palästina, Bern 1908.

Georg David Hardegg wurde am 2. April 1812 als Sohn eines Gastwirts in Eglosheim bei Ludwigsburg geboren. Er absolvierte eine Kaufmannslehre und ging 1830 nach Belgien, wo er von den Ideen der dortigen Revolution ergriffen wurde. Als er 1832 nach Ludwigsburg zurückkehrte und die Ideen einer „Deutschen Republik“ verbreitete, wurde er als „Revolutionär“ zu 14 Jahre Haft verurteilt, die er später z.T. in Verbannung in der Schweiz verbrachte. 1844 wurde Hardegg begnadigt und kehrte nach Ludwigsburg zurück. Während seiner Inhaftierung auf dem Hohen Asperg (1832–1840) hatte Hardegg lediglich Zugang zu Schriften von Bengel und die Bibel. Daher rührte seine Beziehung zur Religion und zur Mystik.

Über das Buch Christoph Hoffmanns „Stimmen der Weissagung über Babel und das Volk Gottes“ lernten sich Hoffmann und Hardegg kennen. Gemeinsam entwickelten sie den Gedanken, ein „Volk Gottes“ zu gründen, dass sie in das Heilige Land führen wollten. Hardegg ergänzte Hoffmann optimal, indem er Hoffmanns eher weltfremden Plan, nach Jerusalem zu ziehen, energisch in die Praxis umsetzen wollte. Bald formierte sich um Hoffmann und Hardegg eine Gruppe namens „Jerusalemsfreunde“, später Tempelgesellschaft oder Templer genannt.

Im Jahre 1857 beschlossen die Templer eine Erkundungsgruppe ins Heilige Land zu senden. Im Januar 1858 reisten Hoffmann und Hardegg als Vorsteher der Gemeinde mit Joseph Bubeck, einem diplomierten Winzer, nach Palästina. Hoffmann interessierte sich - seinem idealistischen Naturell nach - eher für die heiligen Stätten, während der realistische Hardegg alle praktischen Details gründlich erforschte. Die unfreundliche Haltung der Bevölkerung und der türkischen Regierung bewog sie allerdings, ihren Anhängern eine vorläufige Aufschiebung der Siedlungspläne zu empfehlen. 1861 erfolgte aufgrund der religiösen Aktivitäten der Tempelgesellschaft der Bruch mit der evangelischen Landeskirche von Württemberg.

1868 entschlossen sich die Vorsteher, die Auswanderung endgültig in Angriff zu nehmen. Die Tempelgesellschaft legte eine Missions- und Ansiedlungskasse an. Eine Kommission hatte zu entscheiden, wer wann auswandern durfte. Hoffmann und Hardegg, die als erste nach Palästina auswanderten, reisten zunächst nach Konstantinopel und versuchten dort, einen Ferman (Erlaubnis) zu erhalten. Obwohl dies misslang; setzten sie ihre Reise nach Palästina fort. Am 30. Oktober 1868 erreichte Hardegg Haifa wo er den „Vorposten und Empfangsstation“ für künftige Einwanderer errichtete.

1869 wurde die Kolonie Haifa gegründet und Hardegg wurde ihr Vorsteher. Zur selben Zeit knüpfte Hardegg auch Kontakte mit dem Gründer der Religion der Bahai. Bereits seit Beginn der Kolonisierung herrschte zwischen den beiden Vorstehern der Templergemeinde, Hoffmann und Hardegg, Spannungen. Der Konflikt verschärfte sich, als sich Hardegg eigenmächtig über die Finanzierung eines Projektes für eine Landwirtschaftsschule aus der Templerkasse entschied.

Im Jahre 1874 trat Hardegg aus der Gesellschaft aus, gleichzeitig mit ihm ein Drittel der Kolonisten aus Haifa sowie einige aus Jaffa/Sarona. Zwölf Jahre blieb die Splittergruppe um Hardegg ohne Status und finanzielle Unterstützung. Sämtliche andere protestantische Gemeinden und Missionsgesellschaften in Europa darunter auch die englische „Church Missionary Society“ verweigerten Hardeggs Bitten um Hilfe. Im Jahre 1878 gründete Hardegg mit den anderen ausgetretenen Templern den Tempelverein, später der „Reichsbrüderbund“. Nach Hardeggs Tod im folgenden Jahr schwand der Zusammenhalt seiner Anhänger. Über das letzte Jahr Hardeggs in Haifa wird berichtet, dass: „von der Bogenhalle seines Hauses in Haifa aus schaute er lang und gerne über die Meeresweite. Suchte er wohl in überirdischer Ferne, was ihm im Leben nicht gewährt worden – die Menge des Volkes, das seinem Ruf hätte folgen sollen…“

Georg David Hardegg starb am 10. Juli 1879 in Haifa und wurde auf dem Templerfriedhof begraben. Sein Grab kann bis heute in Israel besucht werden.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hartenstein, Karl

Von: Quack, Jürgen

Karl Hartenstein (1894-1952)

Karl Hartenstein und seine Frau Margarete, 1926

Archiv der Basler Mission, QS-30.023.0008

1926 suchte die Basler Mission nach einem neuen Direktor. Verschiedene Namen wurden genannt, u.a. der Stutt­garter Oberkirchenrat Eduard Knapp. Der empfahl jedoch stattdessen Karl Hartenstein (geb. 1894), der seit 1923 Pfarrer in Urach war: „Zweifellos eine der erfreulichsten Gestalten in der jünge­ren Theologen­ge­neration, unter schweren Kriegserlebnissen früh gereift, während seiner Tübinger Zeit Vertrauens­mann vieler Studenten, wissenschaftlich auf der Höhe, in Bengel verwurzelt, von Kier­kegaard und Barth stark beeinflusst, auf der Kanzel ein Zeuge, ein treuer Seelsorger, bei den Gemein­schaften gut ange­schrie­ben, auch von solchen, die theologisch anders stehen, geachtet, ein feinfüh­liger, liebens­würdiger Mensch, kurz: Ich würde ihm volles Vertrauen entgegenbringen und mich für unsere Basler Mission von Herzen freuen.“

So wählte das Komitee den erst 32-jährigen Hartenstein zum Direktor der größten evangelischen Mission auf dem europäischen Festland. Schon als Theologiestudent war er im Ersten Weltkrieg Befehls­haber einer Artillerie-Abteilung geworden, auf seiner Pfarrstelle in Urach hatte er Initiative und Durchsetzungskraft bewiesen.

Als Leiter der Basler Mission setzte sich Hartenstein besonders für die Selbständigkeit der aus der Mission herauswachsenden einheimischen Kirchen in Afrika und Asien ein. Er wurde zur wichtigsten Stütze der Bekennenden Kirche in der Missions­be­wegung und be­wahr­te sie vor einer Eingliederung in die von den Deutschen Christen kontrol­lierte Reichs­kirche.

Bei Kriegsausbruch legten er und alle Deutschen ihre Leitungsämter in der Basler Mission nieder, um zu verhindern, dass die Engländer und Franzosen die Basler Mission als „deutsche“ Organisation be­handelten, ihren Besitz in Übersee beschlagnahmten und die Missionare auswiesen – wie sie es im Ersten Weltkrieg getan hatten.

 Er ging als „Bevollmächtigter“ der Basler Mission nach Deutschland zurück. Die Lan­des­kirche berief ihn 1941 zum Prälaten in Stuttgart und Stellvertreter des Landesbischofs Theophil Wurm. Er vertrat die Landeskirche 1948 bei der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amster­dam und wurde Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Hartenstein starb 1952. Bis zu seinem Tod war er Leiter der „Deut­schen Heimatgemeinde“, die sich 1954 als „Basler Mission – Deutscher Zweig“ organisierte.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hebich, Samuel

Von: Quack, Jürgen

Samuel Hebich (1803-1868)

Samuel Hebich

BMDZ

Der 1803 als Pfarrerssohn in Nellingen bei Ulm geborene Samuel Hebich lernte den Beruf des Kaufmanns und machte für eine Lübecker Firma Geschäftsreisen nach Schweden, Finnland und Russland. Aber sein Wunsch, Missionar zu werden, wurde immer größer. Aus Geldmangel lehnte die Basler Mission zunächst seine Aufnahme ab. Nur eine große Spende einer finnischen Missionsfreundin ermöglichte seine Ausbildung.

Hebich reiste 1834 mit zwei Kollegen nach Südindien aus. Mit der Kannara-Sprache hatte er es schwer – aber in engem Kontakt mit den Menschen war er wie kaum ein anderer Missionar. Seine Art zu predigen, zu lehren und zu ermahnen löste bei den einen Respekt, bei anderen Spott aus. Hebich verhielt sich allen Menschen gegenüber gleich, ohne Standesunterschiede zu machen. Er sprach Leute auf der Straße und in ihrem eigenen Haus an, um sie zum Glauben zu ermahnen, Fürsten wie einfache Arbeiter und Bettler. Bekannt als „Bartmann“ zog er zahlreiche Zuhörer auf Märkten und am Rande hinduistischer Feste an. Auch für viele englische Soldaten wurde er zum Prediger und Seelsorger.

Da die indischen Christen durch die Taufe in der Regel aus der Dorfgemeinschaft ausge­schlossen wurden, war es der Basler Mission wichtig, Arbeitsmöglichkeiten für sie zu schaffen. Landwirtschaftliche Projekte mit Kaffee und Zucker schlugen fehl, aber die hand­werklichen Betriebe schufen hunderte Arbeitsplätze. Hebich gründete Schulen, Webereien und Schreinereien. Sehr bekannt wurden die Ziegeleien, deren Produkte als besonders haltbar galten.

Der „Lang­bart“, der 25 Jahre ohne Heimaturlaub in Indien tätig war, ist dort nicht vergessen. In der Stadt Kannur (früher Cannanore) ist eine Kirche nach ihm benannt, in Mangalore eine Berufsfachschule. Beide gehören zur „Kirche von Süd­indien“, die aus der Arbeit von Samuel Hebich und seinen Freunden herausgewachsen ist.

1859 kehrte er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nach Europa zurück. Nach einigen Jahren als Reiseprediger starb er 1868 in Stuttgart und wurde in Korntal beerdigt.

Auch in seinem Heimatort Nellingen ist er nicht vergessen. Ein Straßenname und eine Tafel am Pfarrhaus erinnern an den originellen Prediger, eindringlichen Seelsorger und erfolgreichen Entwicklungshelfer.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hedinger, Johann Reinhard

Von: Schöllkopf, Wolfgang

Johann Reinhard Hedinger (1664-1704)

Johann Reinhard Hedinger

gemeinfrei (Quelle: Württembergische Landesbibliothek)

Er übertrug zu Beginn des 18. Jahrhunderts die frühe pietistische Theologie Philipp Jakob Speners nach Württemberg und verfasste als Hofprediger wichtige Lehrbücher zu den kirchlichen Handlungsfeldern im Geist des Pietismus.

Am 7. September 1664 wurde Hedinger in Stuttgart als Sohn eines Hofjuristen und einer Prälatentochter geboren. Nach den Klosterschulen Hirsau und Bebenhausen kam er 1681 zum Studium ins Tübinger Stift. Anschließend machte er eine große Bildungsreise, auf der er auch die Pflanzstätten sowie die Begründer der pietistischen Bewegung, Philipp Jakob Spener in Frankfurt und August Hermann Francke in Halle besuchte. Danach wurde er Reise- und Feldprediger des württembergischen Herzoghauses. 1694 verheiratete er sich mit Christina Barbara, geb. Zierfuß (1674 – 1743), aus Kirchheim/Teck. Im gleichen Jahr ging Hedinger als Professor für Naturrecht nach Gießen, bevor er 1699 zum Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart berufen wurde. Seine besondere Stellung am Hof, bei der er Zugang zu allen Ständen hatte, nutzte er zu seelsorgerlicher Arbeit und deutlicher Kritik am Herzog und seiner aufwändigen Hofhaltung. In seiner Antrittspredigt rief er dem Herzog zu: „Rette, Fürst, deine Seele!“


Praktischer Theologe

Hedinger verfasste die ersten praktisch-theologischen Werke des württembergischen Pietismus: In seiner Predigtlehre mahnte er ein gründliches Bibelstudium an und lehnte rhetorische Kunststücke des Barock ab: „Ist denn der Heilige Geist eine Taube oder ein Papagei?“ Weiter entwickelte er eine eindrückliche Seelsorgelehre, in der er auch sensibel auf das Krankheitsbild der Depression einging. Er setzte durch, dass ein Stuttgarter Hofmusiker nach seiner Selbsttötung ordentlich bestattet wurde. Seine Katechetik enthält außergewöhnliche pädagogische Einsichten in die Entwicklung des Kindes und eigene Lehrpläne für die Mädchen. Die Einführung der Konfirmation in Württemberg 1723 folgte einem gottesdienstlichen Entwurf Hedingers von 1701, in dem die Segnung der Jugendlichen im Vordergrund steht. Da er auch als Liederdichter und Bibelkommentator tätig war, kann er als erster praktischer Theologe des württembergischen Pietismus gelten.

Seine Lebenszeit zwischen der Pracht des Barock und dem Geist des frühen Pietismus war kurz: Hedinger starb mit vierzig Jahren am 28. Dezember 1704 in Stuttgart. Lange noch wurden die Anekdoten von seinem Glaubensmut vor Fürstenthronen im Land weitererzählt und seine theologischen Werke als Unterrichtsbücher für Theologen verwendet.

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hesse, Johannes

JOHANNES HESSE (1847-1914)

Johannes Hesse wurde 1847 als Sohn eines Arztes im heutigen Estland geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Reval (heute: Tallinn) ging er nach Basel, wo er zum Missionar ausgebildet wurde. 1869 wurde er nach Indien entsandt. Da er das tropische Klima nicht vertrug, musste er vier Jahre später nach Deutschland zurückkehren.

Er wurde nach Calw geschickt, wo der ehemalige Indienmissionar Hermann Gundert den von Christian Gottlob Barth gegründeten Calwer Verlag leitete. Zunächst war Hesse für die dort erscheinenden Missionszeitschriften verantwortlich, nach Gunderts Tod übernahm er 1893 deren Leitung.
Hesse war auch selbst schriftstellerisch tätig und veröffentlichte mehrere Bücher. Weit verbreitet waren „Vom Segensgange der Bibel durch die Heidenwelt“, „Das Missionsjahrhundert“ und „Frühlingswehen in der Völkerwelt: 45 Missionsgeschichten“. Hilfreich für viele Pfarrer wurde „Mission auf der Kanzel“. Dazu schrieb er die Biographien seines Schwiegervaters und des Inspektors Josenhans. Er war auch Herausgeber des „Evangelischen Missions-Magazins“, der weit verbreiteten Fachzeitschrift der Basler Mission.

In Calw lernte er Gunderts Tochter Marie kennen. Sie war 1842 in Indien geboren worden und 1862 mit ihren Eltern zurückgekehrt; sie half ihrem Vater bei der Verlagsarbeit mit Übersetzungen aus dem Englischen. Dabei lernte sie den englischen Missionar Charles W. Isenberg kennen, mit dem sie 1865 erneut nach Indien ging. Die Lungentuberkulose ihres Mannes zwang sie zur Rückkehr nach Deutschland, wo Isenberg 1870 starb.

Die junge Witwe wurde die erste Englischlehrerin an einer höheren Schule in Württemberg. Dort lernte sie Johannes Hesse kennen. Sie heirateten 1874 und hatten sechs Kinder. Das zweite Kind war der später berühmte Schriftsteller Hermann Hesse, der 1877 geboren wurde.

Nach dem Tod seiner Frau 1902 zog Johannes Hesse 1905 mit seiner Tochter Marie, genannt Marulla, nach Korntal. Diesem Ort, der damals eng mit der Basler Mission verbunden war, widmete er das Buch „Korntal einst und jetzt“. Marulla blieb auch nach dem Tod ihres Vaters 1916 in Korntal und arbeitete dort als Erzieherin. Auf dem alten Korntaler Friedhof, auf dem auch viele Missionare begraben sind, erinnert ein gemeinsamer Grabstein an Vater und Tochter.

Da sowohl seine Großeltern als auch seine Eltern in Indien gewirkt hatten, hatte Hermann Hesse stets eine besondere Beziehung zu Indien. Auf einer Asienreise 1911 kam er zwar nur bis Ceylon, aber in seinen Büchern „Aus Indien“ (1913) und „Siddartha“ (1922) setzt er sich mit den religiösen Traditionen Asiens auseinander.

Über seinen Vater  schrieb Hermann Hesse: „Unser Vater ... hat bis zu seinem Tode von den Mundarten, die um ihn herum und auch von seiner Frau und seinen Kindern gesprochen wurden, nichts angenommen, sondern sprach in unser Schwäbisch und Schweizerdeutsch hinein sein reines, gepflegtes, schönes Hochdeutsch. Dieses Hochdeutsch, obwohl es für manche Einheimische unser Haus an Vertraulichkeit und Behagen einbüßen ließ, liebten wir sehr und waren stolz darauf, wir liebten es.“

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hiller, Philipp Friedrich

Von: Schnürle, Joachim

Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)

Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)

Wikimedia Commons

Der Liederdichter Philipp Friedrich Hiller ist mit seinen Werken heute nach wie vor im Evangelischen Gesangbuch präsent. Sein Himmelfahrtslied „Jesus Christus herrscht als König" ist eines der bedeutendsten Lieder der deutschsprechenden Christenheit zu diesem Kirchenfest. Es ist eines von insgesamt über 1000 Liedern aus seiner Feder – 1070 wurden gezählt und als „großer Hiller"(1) auch gesammelt gedruckt.

Geboren wurde Hiller am 6. Januar 1699 als Pfarrerssohn in Mühlhausen an der Enz und starb mit 70 Jahren am 24. April 1769 in Steinheim bei Heidenheim. Bis auf eine kurze Periode 1729 bis 1731 in Nürnberg, hat er Zeit seines Lebens im Schwabenland verbracht. Früh wurde der Junge Halbwaise – als er noch nicht zwei Jahre alt war, starb der Vater. Der Stiefvater ermöglichte ihm den Besuch der Lateinschule in Vaihingen an der Enz und anschließend ab 1713 der Klosterschule Denkendorf.In Denkendorf kam es zur Begegnung mit Johann Albrecht Bengel (1687-1752), der fortan der väterliche Freund und Ratgeber von Philipp Friedrich wurde. Schon dort in der Klosterschule fiel der Pfarrerssohn durch seine musikalische und dichterische Begabung auf. Nach der weiteren Station auf dem Weg zum Theologiestudium in der Klosterschule in Maulbronn 1716, konnte er ab 1719 über das Stift-Stipendium in Tübingen evangelische Theologie studieren.

Nach einer Vikariatszeit in Schwaigern, kam dann das Intermezzo im fränkischen Ausland, als Hauslehrer in Nürnberg von 1729 bis 1731. In dieser Zeit beschäftige sich Hiller mit dem Gebetbuch des Johann Arndt (1555-1621) – daraus entstand das erste gedruckte Werk von Philipp Friedrich: Johann Arndts Paradiesgärtlein geistreicher Gebeter und Lieder. Die Gebete Arndts sind in 301 Lieder umgeformt.

Ende 1731 kam Hiller dann als Vikar nach Hessigheim am Neckar. Die dortige Pfarrerstochter wurde im Folgejahr 1732 seine Frau. Hiller war dann als Pfarrer in Neckargröningen, seinem Geburtsort Mühlhausen an der Enz und seit 1748 in Steinheim bei Heidenheim. In diesen Jahren kam es nur zu einer weiteren Veröffentlichung: Gott=geheiligte Morgen=Stunden zur poetischen Betrachtung des Thaues, nach etlichen Sprüchen heiliger Schrift angewendet, Tübingen, Löffler, 1748 – mehr Zeit blieb wahrscheinlich nicht, was im Zusammenhang mit seinen pastoralen Aufgaben als Gemeindepfarrer und der Gründung einer Familie zu sehen ist.

Persönliche Leiderfahrungen

Manche familiäre Not begegnete dem Dichterpfarrer. Seine Frau, die Mutter von sieben Kindern war, wurde mehrmals so schwer krank, dass man nicht mit ihrem Überleben rechnen konnte. Hiller selbst traf 1751 ein schwerer Schlag: Infolge eines Halsleidens verlor er innerhalb kurzer Zeit trotz aller ärztlichen Bemühungen seine Stimme. Er konnte nicht mehr predigen, was ihm eine große innere Not bereitete. Eine leichte Besserung führte dazu, dass er im Folgejahr wieder aus der Nähe verstanden werden konnte. Zur Predigt jedoch blieb er untüchtig.(2) Die Pfarrstelle konnte er nur dadurch weiter behalten, weil ihm ein Vikar zu Seite gestellt war, der für ihn die Predigttätigkeit übernahm. Seelsorgerliche Kontakte besorgte Hiller weiterhin selbst. Zudem nutzte er die Zeit zu vertieftem Bibelstudium und zu seinem dichterischen Arbeiten.

In den nächsten Jahren hat er mehrere theologische Ausarbeitungen drucken lassen, die eine intensive Auseinandersetzung mit dem Alten Testament bekunden: Das Leben Jesu Christi, des Sohnes Gottes, unsers Herrn, in gebundener Schreibart nach den einstimmigen Schriften der heiligen Evangelisten verfasset (1752), und Neues System aller Vorbilder Jesu Christi durch das ganze Alte Testament: in ihrer vollständigen Schriftordnung und verwunderlichen Zusamenhang nach den beeden Oekonomiezeiten, zur Verehrung der göttlichen Weisheit; aufgestellt in sechs Schattenstücken samt einem Anhang und Beleuchtung (1758).

 

Liederkästlein. Ausgabe von 1831

Landeskirchliches Archiv. Museale Sammlung. Inv.-Nr. 93.937

Das Geistliche Liederkästlein

Das Geistliche Liederkästlein, die bekannteste Schrift von Philipp Friedrich Hiller ist in seiner „sprachlosen" Zeit entstanden. Der theologische Inhalt ist sicher im Hinblick auf das körperliche Gebrechen, das mit der Behinderung bzw. Verhinderung der Sprache das wesentliche Organ der Berufsausübung des Pfarrers betraf, zu sehen. Die geistliche Dichtung Hillers in dieser letzten Lebensphase kann auch verstanden werden als eine Therapie an der eigenen Seele. Sie kann vom Glauben her verstanden werden als Seelsorge Gottes an der Seele dieses Pfarrers, dessen Wirken trotz allen Leidens in Freude, Lob Gottes und Anbetung mündet. Es kann eine Parallelität zu den Leidenspsalmen Davids gesehen werden, der in der Anrufung Gottes und im Klagen durchdringt zu Lob und Anbetung. Auch bei Hiller ist eine weitere Bestimmung des Anteils der eigenen „Leidensarbeit" und dem göttlichen Wirken als Antwort auf die Anrufung Gottes an der gewonnen Zuversicht schwer möglich. Im ersten Teil des Liederkästleins, der 1762 erschienen ist, schreibt der Dichter in der Vorrede: „Mir ist‘s eine Freude, an dem Wort Gottes auf besondere Weise zu dienen, da ich es öffentlich nun nicht mehr tun kann. - Ich vermeinte, dass wir an solchen Liedern, die eigentlich vom Lob Gottes handeln, in Gesangbüchern und sonst keinen Überfluss haben."(3)

Je einem Bibelvers folgt ein kurzer Gedanke dem ein Lied meist mit zwei bis sieben Strophen folgt, die hauptsächlich auf die Anbetung Gottes, auf das Lob seiner Eigenschaften sowie seine Worte und Wohltaten gerichtet sind. Der zweite Teil erschien 1767, also zwei Jahre vor dem Tod des damals 68-jährigen. Der Hauptinhalt ist das Erwarten der Zukunft des Heilandes Jesus Christus. Wiederum ist er aufgebaut aus einem Bibelvers mit kurzer Bemerkung und einem Lied. Fern ist dieser Teil jedoch von einem lebensmüden Jenseitshoffen, einer depressiven Sehnsucht nach dem Tod. Vielmehr wird der Blick auf das Wiederkommen des Herrn gerichtet, was das Heil vollkommen macht, und auch dem körperlich Angefochtenen, den Blick auf die Endlichkeit von Krankheit und Leid verdeutlicht. Darin sind Hauptthemen der biblischen Botschaft und des biblischen Trostes aufgenommen, die auch heute noch Aktualität haben. Am Ende enthält das Liederkästlein je ein Morgen- und Abendgebet nach den sieben Bitten des Vaterunsers für jeden Wochentag.

Liederkästlein. Ausgabe von 1904

Landeskirchliche Zentralbibliothek. Sign.: A 13, 751

Verbreitung des Geistlichen Liederkästleins

In der letzten Ausgabe von Hillers Geistliches Liederkästlein aus dem Jahre 2009 wird diese als 17. Auflage ausgegeben. Doch schon bei der orientierenden Durchsicht der Bibliographie von Gottfried Mälzer zu Drucken der württembergischen Pietisten finden sich bereits 40 Ausgaben des Geistlichen Liederkästleins - und diese hat nicht alle Drucke erfasst.(4) Neben den Stuttgarter Ausgaben des 18. Jahrhunderts lassen sich dann im 19. Jahrhundert mehrere Druckorte eruieren. So wurden weiterhin in Stuttgart bei dem Verlag Macklot und später bei der Evangelischen Bücherstiftung sowie bei Ernst Rupfer Ausgaben des Liederkästleins gedruckt, aber auch in Reutlingen, der Hochburg des Nachdrucks im 19. Jahrhundert finden sich Drucke von den Verlagen Christoph Jakob Friedrich Kalbfell, Lorenz, Carl Fischer Jun., B. G. Kurz, Rupp & Baur und schließlich Enßlin & Laiblin. Letztere hatten keine Auflagen oder Druckjahre angegeben, so dass man bis 1924 nur eine Mindestzahl der Auflagen schätzen kann, die in Reutlingen alleine 25 Auflagen betrug, wahrscheinlich aber eher um 30 Auflagen liegen müsste bei fehlender Kennzeichnung durch Enßlin & Laiblin. In Stuttgart wurden im 18. und 19. Jahrhundert mindestens 22 Auflagen gedruckt, wobei vom Verlag Rupfer ebenfalls keine Druckjahre oder Auflagen angegeben wurden und von einer höheren Auflagenzahl auszugehen ist.

Nach dem 2. Weltkrieg finden sich erneut Drucke in Reutlingen, von der Philadelphiabuchhandlung August Fuhr in den Jahren 1950, 1958, 1965, die dann abgelöst wurden vom Verlag Ernst Franz in Metzingen in den Jahren 1976, 1982, 1986 und 1994 und der aktuellen Auflage in Bad Wildbad von 2009. Insgesamt sind somit mindestens 55 Auflagen gedruckt worden, wahrscheinlich aber eher über 60 Auflagen.

Das Geistliche Liederkästlein gewann seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert anhaltende Bedeutung, indem seine Texte Eingang in die Erbauungsstunden der Gemeinschaften des schwäbischen Pietismus fanden. Die Pregizer Gemeinschaft machte es zu ihrem Gesangbuch und bei vielen frommen Auswanderern war es neben der Bibel eines der wenigen Bücher im Gepäck, das sie auf die Reise nach Amerika, Russland Bessarabien, Georgien, Ungarn oder Israel mitnahmen. So wurde das Geistliche Liederkästlein zum Trostbuch für viele Menschen in aller Welt. Ins offizielle Kirchengesangbuch wurden Hillers Lieder erst 1842 auf Initiative von Pfarrer Albert Knapp (1798-1864) aufgenommen. Heute enthält das Evangelische Gesangbuch vier Lieder mit Texten von Hiller.

 

Aktualisiert am: 04.06.2024

Hinderer, David

Von: Quack, Jürgen

Inhaltsverzeichnis
  1. David Hinderer (1819-1890)
  2. 1: Ausbildung
  3. 2: Entsendung nach Nigeria
  4. 3: Missionarisches Wirken in Ibadan
  5. 4: Letzte Jahre und Erinnerung an ihn in Nigeria
  6. Anhang

David Hinderer (1819-1890)

David Hinderer (1819-1890)

Archiv der Basler Mission und hat die Signatur QS-30.001.0195.01

Die anglikanische St. David’s Cathedral in Ibadan (Nigeria) trägt ihren Namen als Erinnerung an den Missionar David Hinde­rer, geb. am 29. Oktober 1819 in Berglen-Birkenweißbuch bei Schorndorf. Er war der erste Bote des Evangeliums in dieser Stadt mit heute 3 Millionen Einwohnern im Süden von Nigeria.

1: Ausbildung

David Hinderer lernte den Beruf des Leinewebers und kam als Jugendlicher in pietistische Kreise, wo er Berichte aus der Mission hörte. Seine erste Bewerbung für die Aufnahme in das Basler Seminar schrieb er 1837 mit 18 Jahren. In einem Begleitbrief riet der Stuttgarter Pfarrer Wilhelm Hofacker, ihn noch nicht aufzunehmen, weil er noch sehr in der Entwicklung sei, ihn aber im Auge zu behalten. Zwei Jahre später bewarb er sich erneut und wurde aufgenommen. Aber zunächst musste er seine Musterung zum Militärdienst abwarten. Da er nicht eingezogen wurde – wahrscheinlich weil er nicht die erforderliche Körpergröße hatte – konnte er 1841 nach Basel gehen.   

Nach Abschluss der Ausbildung wurde er 1846 der englischen Church Missionary Society (CMS) zur Verfü­gung gestellt. Nach einer weiteren Ausbildung in deren  Seminar in Islington wurde er zum anglika­nischen Priester geweiht und im Januar 1849 nach Westafrika ausgesandt, wo auch viele andere Basler Missionare im Dienst der CMS tätig waren.

2: Entsendung nach Nigeria

Er nahm aus London eine große Menge Neuer Testamente in der Hausa-Sprache mit, da er den Auf­trag bekam, in das Gebiet der Hausa im Landesinneren des heutigen  Nigeria vorzudringen. Er  hatte die Vision, dass von dort aus eine Kette von Missionsstationen am Südrand der Sahara bis nach Ostafrika errichtet würde, wo die CMS schon in Äthiopien wirkte.

Jedoch zeigte es sich, dass der Widerstand unter den muslimischen Hausa so groß war, dass sich die Mission zunächst auf die Arbeit unter den in Küstennähe lebenden Yoruba sprechenden Stämme  beschränken musste.

Die verschiedenen Gruppen der Yoruba kämpften immer wieder um Einfluss und Hegemonie. Gegenseitige Überfälle und Plünderungen waren häufig. Das wichtigste Handelsgut waren Kriegsgefangene, die als Sklaven auf die Felder geschickt oder verkauft wurden. Der Sklavenhandel nach Amerika war schon lange verboten, aber im Landesinneren noch weit verbreitet. Lohnarbeit war nicht bekannt, das Wirtschaftssystem beruhte auf der Sklavenarbeit.

Die Missionare propagierten ein friedliches Leben und ein Engagement in der Landwirtschaft. Hinde­rers Kollege Karl Gollmer aus Kirchheim/Teck veranstaltete z.B. eine Landwirtschaftsmesse mit Preisen für die besten Produkte. Die Missionare warben auch für den Export von Baumwolle und Palmöl nach England als „legitimen Handel“ anstatt des Sklavenhandels.

Sie gründeten zahlreiche Schulen, in Abeokuta auch eine Oberschule, wo unter der Leitung des eben­falls  aus Württemberg stammenden Gottlob  Bühler künftige einheimische Pfarrer in Latein und Griechisch unterrichtet wurden.

3: Missionarisches Wirken in Ibadan

David Hinderer war zunächst in Abeokuta tätig, zog aber nach der Heirat mit der Engländerin Anna geb. Martin 1853 in die Stadt Ibadan im Landesinneren, ca. 150 km von der Küste entfernt. Die Machthaber in der Stadt befragten allerdings erst ein lokales Orakel, ob sie der Ansiedlung von weißen Menschen zustimmen sollten. Als das Orakel die Frage bejahte, wurden sie will­kom­men geheißen, konnten Land erwerben und mit dem Bau eines Hauses – des ersten zweistöc­kigen Hauses in der damals ca. 50.000 Einwohner zählenden Stadt - beginnen. Im Erdgeschoss waren die Vorratsräume, auf der großen Veranda im ersten Stock begannen sie eine Schule. Sie waren viele Jahre die einzigen Europäer in der Stadt. Seine Mitarbeiter holte er vor allem aus Sierra Leone aus den von den Engländern befreiten und dort angesiedelten Sklaven, die zum großen Teil Christen geworden waren. Sie suchten das Gespräch mit den Bewohnern der Stadt und predigten auf den Straßen.

Außerdem gründeten sie eine Schule. Auch in den eigenen Haushalt nahm das Ehepaar, das keine eigenen Kinder hatte, bis zu 30 Kinder auf – teils Waisenkinder, von denen es durch die häufigen Kriegszüge viele gab, teils freigekaufte Sklaven, teils Kinder vornehmer Afrikaner, die eine westliche Bildung für ihre Kinder wollten. 

Durch jahrelange Stammeskriege war Ibadan lange Zeit von der Küste und allem Nachschub abgeschnitten. Um zu überleben und um ihre Arbeit weiter  betreiben zu können, mussten Hinderers einiges von ihrem Inventar verkaufen. Sie bekamen auch Spenden von reichen Ibadanern, die ihre soziale Arbeit schätzten.

Die entstehende kleine christliche Gemeinde erfuh­r aber auch viel Ablehnung, da Hinderer sowohl gegen die